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Claudia Paganini: Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und menschliche Sinnsuche
Claudia Paganini diskutiert die These, ob es nicht plausibel sei, dass die Interaktion zwischen Menschen und KI-Systemen heute eine neue Religion hervorbringen könnte. Anhand der klassischen Gottesprädikate wie Allmacht, Allgegenwart, Allwissenheit oder Gerechtigkeit lotet sie aus, ob wir dabei seien, einen neuen Gott – einen KI-Gott – zu erschaffen, der endlich all jene Prädikate einlösen könne, die dem monotheistischen Gott der abrahamitischen Religionen zugesprochen wurden. Um der These eines neuen KI-Gottes auf die Spur zu kommen, entscheidet sie sich dafür, Religion(en) unter einer funktionalistischen Lesart zu dechiffrieren. Religionen sind für sie Bedürfniserfüller, die Sehnsüchte von Menschen stillen, etwa die Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Unsterblichkeit, Leidlosigkeit etc. Dafür hätten Menschen Götter oder einen Gott entworfen, erschaffen oder projiziert, der oder die ihnen kompensatorisch zur Seite stünden.
Laut Paganini befinden sich die Religionen heute in einer Krise, die mit Modernisierung, Entzauberung der Wirklichkeit und Säkularisierung zusammenhängt. Weil Krisen Scheidungsprozesse seien, sieht Paganini am Horizont einen neuen Gott aufsteigen, der die eingerosteten Anknüpfungspunkte menschlicher Bedürfnisse neu beleben könnte. Der neue Gott ist für Paganini ein technisch hervorgebrachtes digitales Gegenüber, das in wenigen Jahren so weit sein könnte, all die klassischen Gottesprädikate zu erfüllen. Er könnte über Allmacht verfügen – denn wer, wenn nicht die alle möglichen Datensätze aufsaugende KI, kann einen echten Überblick über das menschliche Wissen gewinnen? Der neue KI-Gott könnte gerecht sein wie kein anderer zuvor. Darüber hinaus wäre er in der Lage, das menschliche Urbedürfnis nach Anerkennung und Geliebtwerden zu erfüllen, denn niemand hört geduldiger und aufmerksamer zu als eine eigens dafür programmierte KI. Alles in allem könnte die Menschheit ein neues Stadium einer Technikreligion erreichen, die zum ersten Mal wirklich funktionieren würde.
Die Philosophin und Theologin hat ein provokantes Buch geschrieben, weil sie nicht erkennen lässt, ob sie das wirklich ernst meint oder nicht. Angenommen, Paganini möchte provozieren und durch eine bewusst karikierende Überspitzung davor warnen, in welche Richtung sich die menschliche Spezies gerade entwickelt, so ist ihr Buch gelungen. Meint Paganini hingegen ernsthaft, dass KI den religiösen Glauben ersetzen werde und darin womöglich etwas Begrüßenswertes stecken könnte, muss man sich wundern. Denn obwohl es beunruhigende Entwicklungen gibt, die zeigen, dass Menschen KI mehr vertrauen als ihren Mitmenschen und mitunter echter Beziehungsersatz stattfindet, zeigt die Religionssoziologie doch, dass wir weit davon entfernt sind, dass Menschen einen KI-Gott anbeten. In Lateinamerika, auf dem afrikanischen und asiatischen Kontinent, wo das Christentum wächst, sieht es nicht danach aus, dass Gott durch KI ersetzt wird.
Neben diesem statistischen Befund muss sich Paganini fragen lassen, ob ihr Begriff von Religion adäquat ist. Denn sie betrachtet Religion rein funktional von außen, also atheistisch. Für ihre These wäre jedoch eine Perspektive auf Religion von innen, also eine theologische, ebenso wichtig, wenn nicht sogar ausschlaggebend. Denn wenn der KI-Gott den Gott des Glaubens ersetzen soll, dann muss dieser auch für glaubende Menschen überzeugender sein als der „alte“ Gott. Aus einer intrinsischen Sicht ist Religion für einen glaubenden Menschen jedoch immer mehr als bloße Bedürfniserfüllung. Religion ist sinnstiftend, weil es für glaubende Menschen den Gott der Offenbarung wirklich gibt – nicht, weil er eine nützliche Funktion für sie hat.
Aus dieser Perspektive ist nicht ersichtlich, wie ein technisch produziertes digitales Gegenüber denselben Raum einnehmen kann, den für glaubende Menschen Gott einnimmt. Gott, so lautet die Definition des Vierten Laterankonzils von 1215, ist immer größer und unangemessener als jeder noch so große Begriff von ihm. Die Unähnlichkeit wächst mit der vermuteten Ähnlichkeit. Gott adäquat zu denken heißt, ihn in der Verneinung mitzudenken. Der KI-Gott ist gegenüber diesem „Deus absconditus“ bloß ein kleines Lichtlein menschlicher Selbsterlösungszwänge.
Lesen Sie dennoch Paganini, denn bedenkenswert ist das allemal – egal, ob Sie den Text als Karikatur, als Mahnung oder als Dystopie lesen wollen.
Freiburg: Herder Verlag. 2025
192 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-451-60146-0
