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Clemens Sedmak: Wenn das Unvorstellbare geschieht. Durchbrochenes Denken und theologische Vorstellungskraft
Der österreichische Theologe Clemens Sedmak (geb. 1971) zählt zu den führenden Experten für soziale und ethische Fragen. Nach Jahren am King’s College in London ist er seit 2018 Professor an der US-Eliteuniversität Notre Dame. Am 2. Juli 2020, während der Corona-Pandemie und der Lockdowns, nimmt sich sein fünfzehnjähriger Sohn Jonathan das Leben. Vier Jahre später spricht der Vater einer fünfköpfigen Familie in diesem Buch darüber.
Der Autor nimmt seine Zuhörer mit in seine Bibliothek. Seite um Seite begleitet man ihn beim Erzählen, beim Blättern und Lesen in Werken, die ihm wichtig sind, in denen er seit dem Juli 2020 gelesen hat, und in Büchern, die ihn gefunden haben. Es sind Texte aus der Literatur, aktuelle wie klassische, philosophische, soziologische, religiöse und viele biografische. Das Gespräch zwischen den Regalen dreht sich um die Vorstellungskraft. Im Juli 2020 wurden Vorstellungskraft und Möglichkeitssinn von Sedmak erschüttert, gesprengt. Er beschreibt eindringlich, wie umfassend alles in ein Davor und ein Danach auseinanderbrach. Dies machte selbst vor den abstraktesten und nüchternsten Denkbewegungen nicht Halt. Kein Stein blieb auf dem anderen. Kunstvoll und flink zieht Sedmak Bände aus seinem Regal, schlägt die passende Stelle zum laufenden Gespräch auf und versammelt damit ein vielstimmiges Abtasten der vielen Buchrücken und feinen Nuancen in Nebensätzen.
Sedmak nennt sein Werk einen „Essay über die theologische Vorstellungskraft und deren Durchbrechung“. Seine Ausführungen stehen zunächst im Sprachgewand eines Fachvortrags, doch bald zeigt sich: Hier spricht nicht jemand, der aus seiner langjährigen Expertise erklärt, sondern einer, der mit vermeintlich sicheren Begriffen ringt und der zu suchen beginnt. Was nährt Vorstellungskraft, was zeichnet sie aus, was verändert sie, was sprengt sie? Systematische Einordnungen und stringente Argumentationswege lösen sich rasch wieder in persönliche Zeugnisse und intime Einblicke auf, bewähren sich nur unter bestimmten Lichtverhältnissen. Geht man mit Sedmak ein paar Schritte weiter in seiner Bibliothek, hat sich die Perspektive schon wieder verschoben. Was geklärt schien, steht erneut als schmerzende Frage vor Augen.
Der Weg durch die Regale wird in fünf Etappen gegliedert. Am Beginn steht die Erkundung des Aufeinandertreffens von Vorstellungskraft und dem Unvorstellbaren. Immer tiefer begibt sich Sedmak in sein persönliches Nachspüren an den Punkt der Berührung von Möglichkeitssinn und dem Unvorstellbaren und öffnet deren Kern: die Disruption. Was bricht, wenn alles bricht? Was heißt Zerbrechlichkeit, Verwundbarkeit, Blöße tatsächlich? Worin liegt das Tragische? Kann das Denken selbst, das doch allgemeingültig und objektiv sein will, zerbrechen? Am Ende steht er vor einem Leben mit Scherben und vor dem Scheideweg zwischen Erlöschen und Weiterleben. Dort kommt es zu überraschenden Wiederentdeckungen und Quellen der Resilienz. Eine davon wird für Sedmak die Idee der Seele. Was zunächst selbstverständlich wirkt – dass im Angesicht des Todes eines geliebten Menschen der Glaube an eine unsterbliche Seele tröstlich ist – wird zur tiefgründigen Entdeckungsreise: wie bedeutsam und tragend ein neues Sehen der Seele im alltäglichen Leben sein kann. Mit der „epistemischen Kraft der Seele“ eröffnet sich eine neue Option zwischen Versinken im Schmerz und Verdrängen: Erkennen und Denken im Unglück. Im abschließenden Kapitel fragt sich der verwundete Theologe, wie er nun (noch) Theologie treiben kann, und beginnt mit einem Neuentwurf. Er nennt ihn „fragile Theologie“. Es ist kein systematischer Entwurf, und viele Ideen und Anliegen mögen vertraut sein. Was diese fragile Theologie stark macht, ist Sedmaks ganz persönliche Handschrift in dunkelsten Zeiten, die sich aus den vielen Stunden und Jahren am verlässlichen Bücherregal nach dem Juli 2020 gebildet hat.
Sedmaks Essay ist übersichtlich in Unterkapitel gegliedert, die im Durchschnitt zehn Seiten umfassen. Neben der persönlichen Lektüre eignen sich ganze Abschnitte und Auszüge daraus auch für den Unterricht oder als Lesetexte in der Einzel- und Gruppenarbeit zu Fragen von Trauerarbeit, Verlust und allgemein zum Menschsein. Wer sich mit Sedmak auf den Weg durch seine Lesewelten macht, begegnet einem trauernden Vater, der sich offen und verwundbar auf ein echtes Gespräch einlässt. Ein Werk, das nicht nur berührt und inspiriert, sondern auch Horizonte öffnet.
Freiburg: Herder Verlag. 2025
264 Seiten
24,00 €
ISBN 978-3-451-02438-2
