Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Dagmar Kiesel / Sebastian Schmidt / Thomas Smettan: Altruismus

Nationaler Egoismus wird von Regierungen und Parteien zum politischen Allheilmittel erklärt. „Mach Dein Ding!“ lautet die unverhohlen egoistische Botschaft eines Werbeplakats und für ca. 100 Euro verkauft Chanel den 100 ml Flacon seines Eau de Toilette „Ègoiste“. Sind die jahrhundertealte moralisch positive Beurteilung des Altruismus und die Schmähung des Egoismus ins Wanken gekommen?

Ein Sammelband unter dem Titel „Altruismus“ ist geradezu gefordert angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Das hier zu Rede stehende Werk geht auf einen in der Corona-Zeit abgehaltenen interdisziplinären digitalen Workshop zurück. Dagmar Kiesel, Sebastian Schmidt und Thomas Smettan haben die Beiträge zusammengefasst und noch drei weitere Autoren in das Projekt aufgenommen. Die intensiven Diskussionen und Wechselbezüge zwischen den Autoren werden durch Querverweise lebendig dokumentiert.

Der einführende prägnante Überblick ermöglicht eine gute Orientierung. Hilfreich für den Einstieg ist auch der einleitende Beitrag von Christoph Lumer, der sich mit Definitionen von Altruismus und Egoismus beschäftigt, Abgrenzungen zwischen eigennützigem und egoistischem Verhalten beschreibt und kurz den psychologischen und den rationalen Altruismus erläutert. Die weiteren Beiträge werden unter den Überschriften „Philosophiegeschichtliche Perspektiven“, „Systematische Fragen und Probleme“ und „Altruismus in außerphilosophischen Disziplinen“ gegliedert.

Die Artikel sind durchweg in wissenschaftlicher, anspruchsvoller Sprache geschrieben. Gleichwohl lohnt sich die gedankliche Anstrengung, um der Frage nachzugehen, von welchem Altruismus die Rede sein soll und ob unsere intuitiven Antworten darauf, was richtiger Altruismus sein soll, einer tieferen moralischen Reflexion standhalten.

Dass es dabei nicht um „graue Theorie“ geht, zeigt z.B. Thomas Smettan in seinem Beitrag „Wie weit soll Altruismus gehen?“ anhand der Frage, ob es moralischer ist, eine fair gehandelte Jeans für 100 € zu kaufen oder eine nicht fair gehandelte Jeans für 40 € und die verbleibende Differenz von 60 € an eine Organisation zu spenden, die damit zwei Menschen in Ländern des Südens eine Graue-Star-Operation bezahlen kann. Die Behandlung dieser für Freunde des fairen Handels herausfordernden Frage rührt zugleich an die Frage, wie viel Geld Menschen in den „reichen Ländern“ an effektive Hilfsorganisationen in armen Ländern spenden sollten. Die Frage, inwieweit altruistisches Verhalten nicht doch ein verkapptes egoistisches Verhalten ist und insofern keine moralische Überlegenheit gegenüber dem Egoismus besitzt, wird in einem Beitrag von C. Seidel ausführlich durchbuchstabiert.

Ob angesichts der drängenden Krisen und Notlagen dieser Welt eine Beschäftigung mit Philosophie oder vergleichbar „brotlosen“ künstlerischen oder musischen Themen gerechtfertigt werden kann, geht Sebastian Schmidt unter der Überschrift „Ist es erlaubt zu philosophieren?“ nach. Und er liefert eine sehr reflektierte, offene Antwort.

Selbstverständlich finden auch die Fragen, ob Altruismus in der menschlichen Natur veranlagt sei (Kristina Musholt) und ob evolutionsbiologisch moralische Instinkte in der Natur eine Chance haben (Christian Spahn), eine jeweils ausführliche Erörterung. Der Beitrag von Spahn zeigt, dass sich entgegen langjährigen Fehlinterpretationen Darwinismus und Altruismus durchaus versöhnen lassen. Dem Versuch, egoistisches Verhalten evolutionsbiologisch zu begründen, wird hier das Fundament entzogen.

Für den Religionsunterricht von besonderem Interesse sind der Beitrag von Cordula Heupts zu „Altruismus in den abrahamitischen Religionen“ und der Aufsatz von Matthieu Ricard zum „Altruismus im Buddhismus und seine Bedeutung für die moderne Welt“. Mit dem Schlusssatz seines Aufsatzes soll zur Lektüre dieses sorgfältig erarbeiteten und auf hohem Niveau argumentierenden Bandes angeregt werden: „Altruismus und Kooperation sind entscheidende Faktoren für die Qualität unserer gegenwärtigen und zukünftigen Existenz und sollten nicht in die Gefilde des noblen utopischen Denkens verbannt werden. Wir brauchen den Scharfsinn, dies anzuerkennen, und den Mut, es auszusprechen.“

Interdisziplinäre Perspektiven
Berlin / Heidelberg: J.B. Metzler Verlag. 2024
XVI und 295 Seiten m. s-w Abb.
74,99 €
ISBN: 978-3-662-69383-4

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