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Daniel Martin Feige: Kritik der Digitalisierung. Technik, Rationalität und Kunst

Daniel Martin Feige widmet sich in seinem Buch der Aufgabe, die Digitalisierung, die unser Leben mehr und mehr bestimmt, einem kritischen Blick zu unterziehen. Er will aufzeigen, dass die Digitalisierung, in Form von Kommunikations- und Informationstechnologien (KIT) sowie Künstlicher Intelligenz (KI), keine gesellschaftlich und politisch neutrale Technik ist, sondern das Selbstverständnis des Menschen und dessen Zusammenleben stark verändert.

Die Digitalisierung sieht Feige zunächst geschichtlich als einen Schritt, der starke gesellschaftliche Veränderungen zur Folge hat, weist aber Deutungen der Geschichte zurück, in der die Digitalisierung schon früh als Ziel eingeschrieben ist.

Bezogen auf die Praxis ist der Unterschied zwischen analoger und digitaler Technik daran festzumachen, dass im Gegensatz zu analogen Werkzeugen der Zusammenhang mit deren Zweck bei digitalen Werkzeugen nicht mehr erkennbar ist. Die Daten, als Basis des Digitalen, bestehen aus endlichen Zeichenketten mit zwei Elementen, und zeigen als solche keinen unmittelbaren Bezug zu dem, was sie abbilden bzw. bewirken sollen. Die digitalen Techniken bewirken Veränderungen dessen, was Menschen als Ziele erreichen wollen.

Dem geht Feige anhand seiner These nach, dass die Praxis durch die Digitalisierung zunehmend von der instrumentellen Vernunft dominiert wird. Dies zeigt er an drei Stichworten: Dem „Blackboxing“, der aus der Digitalisierung folgenden Verdeckung der relevanten Mechanismen, das digitale Bild ist nur maschinell verarbeitbar und die Technik verknüpft sich mit anderer Technik. Die „Datifizierung“, d. h. die Übersetzung von Analogem in Datensätze, führt zu einer Reduzierung der Wirklichkeit auf das durch Daten erfasste Abbild, womit das Verständnis von Wirklichkeit verändert wird („Alterisierung“).

Mit Horkheimer und Adorno erschließt Feige die Digitalisierung als eine soziologisch und politisch wirksame Größe. Auch wenn sich z.B. über KITs alle Menschen an Debatten über relevante Themen beteiligen können, so werden aber strenge Regeln festgelegt, wer sich in welcher Form an welcher Thematik beteiligen darf, ohne dass diese Regeln gerechtfertigt werden müssten. Die Digitalisierung radikalisiert instrumentelle Vernunft, sie entwickelt ihre eigenen Regeln (Logik), die vor allem an ökonomischen Zwecken ausgerichtet sind. Durch das Ziel, das Denken und Handeln berechenbar zu machen, lässt sich der Mensch zu einem durch diese Regeln beherrschbaren Wesen machen.

Kann eine Maschine (KI) denken? Ist sie infolgedessen wie ein Mensch, eine Person zu behandeln? Dieser Frage, der nach der Rationalität, geht Feige im 2. Kapitel nach. Als Beispiel dient ihm vor allem der Turing-Test, den er als ein reales Testverfahren zur Unterscheidung von Mensch und (den Menschen durch Texte simulierenden) Computer versteht. Er kritisiert vor allem, dass Turing eine ontologische Frage zu einer epistemologischen Frage transformiert und damit verändert. Außerdem diagnostiziert er bei Turing eine scharfe Trennung von Physis und Intellekt, wobei Turing für die Entscheidung, ob „Denken“ vorliegt, nur die intellektuelle Seite heranzieht.

Für den Begriff des Denkens genügt es Feige nicht, zu einer regelgesteuerten Verknüpfungsleistung in der Lage zu sein, sondern zu dem „Gedachten“ in einem (bewussten) Verhältnis zu stehen. Der Weltbezug ist für das Denken konstitutiv, und weil bei einer Maschine nicht angenommen werden kann, dass sie in einem solchen Weltverhältnis stehen kann, denkt sie auch nicht.

s folgt eine ausführliche Bestimmung eines Handlungsbegriffs, bei dem von dem äußeren Geschehen ausgehend auf eine teleologische Ursache, eine Zwecksetzung verwiesen wird. Durch die Praxis wird der Weltbezug des Menschen vollzogen, indem im Handeln Zwecke realisiert werden. So gilt für Feige der Mensch als das Wesen, das handelt, das heißt, dass er Zwecke setzen und realisieren kann. Dies macht die Lebendigkeit des Menschen aus, die der Autor ausschließlich in dessen biologischer Verfasstheit für möglich hält.

Im 3. Kapitel geht es um die Bedeutung der Kunst für eine Kritik der Digitalisierung. Kunst ist insofern autonom, als sie zwar nicht unbeeinflusst von gesellschaftlichen, olitischen und ökonomischen Bedingungen existiert, aber hiervon nicht gänzlich vereinnahmt wird. Sie ist nicht als bloßes Werkzeug auf eine gesellschaftliche Funktion reduzierbar. Um Kunst zu bestimmen, legt Feige Wert darauf, Kunst nicht nur als das (gegenständliche) Werk zu verstehen, sondern die Autorenschaft einzubeziehen. Dadurch, dass das Kunstwerk in Relation zum Urheber als Kunst verstanden werden muss, ist es möglich, Kunst als Praxis zu begreifen, als Reflexionspraxis. Die Schwierigkeit beim Umgang mit Kunst ist allerdings, dass es keine verbindlichen Kriterien gibt und geben darf, die gute von schlechter Kunst hinreichend zu unterscheiden vermögen. Die Gründe liegen sowohl in der offenen Sinngebung durch die Künstler, die keinen Zweck im Sinne instrumenteller Vernunft verfolgen, als auch in der Offenheit der Wirkung, die das Werk auf die Rezipienten hat. Ästhetische Rationalität ist insofern zu unterscheiden von der Zweckrationalität, als das Gelingen oder Misslingen von Kunst nicht eindeutig erfasst werden kann, was aber nicht bedeutet, dass dadurch Kunstkritik überflüssig würde. Bezogen auf die Digitalisierung kann Kunst, auch wenn sie die neuen technischen Möglichkeiten nutzt, deren kritikwürdige Folgen und so ihr digitalisierungskritisches Potential offenlegen.

Die Lektüre von Daniel Feiges Buch erweckte bei mir den Eindruck, in eine fortgeschrittene Debatte geraten zu sein, in der Fragestellungen, Positionen, Begriffe und Redewendungen der Teilnehmer schon auf dem Tisch liegen. Als vermutlicher Seiteneinsteiger ist es schwer, die gedanklichen Abweichungen zu verstehen und in die gesamte Fragestellung einzuordnen. Gelegentliche Zusammenfassungen sind zwar hilfreich, es bleibt aber eine sehr kraftraubende Lektüre. So ist beispielsweise der Gedanke der Interdependenz von digitaler Technik und Zielsetzungen meiner Ansicht nach viel zu ausführlich besprochen, ist es doch offensichtlich, dass durch eine Technik gegebene neue Möglichkeiten auch als Intentionen in Betracht kommen und ergriffen werden, was aber für analoge Technik ebenso gilt.

Der Turing-Test scheint mir als eine reale Versuchsanordnung missverstanden; ich meine, es handelt sich bei Turing um ein Gedankenexperiment, das danach fragt, ob im Falle, dass es gelingt, durch eine Maschine menschliche Gedanken so zu simulieren, dass sie von Gedanken des Menschen nicht mehr unterscheidbar sind, darauf zu schließen, dass die Maschine (selbstbewusst) denkt. Dazu muss die Physis ausgeblendet werden, da sie als Kriterium für die Unterscheidung hinreichend wäre. Wenn man sich epistemologisch für einen empirischen Zugang entschieden hat, dann ist dieses Vorgehen gerechtfertigt, auch wenn die erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Frage nach der Rechtfertigung einer ontologischen Schlussfolgerung offenbleibt.

Diese Kritik an Turing verwundert ein wenig, wenn man betrachtet, wie Feige seine Begriffsbestimmungen ansetzt. Er beginnt immer mit dem empirisch Manifesten (Physische Handlung, Kunstwerk) und bestimmt diese erst dann in ihrer Relationalität (Zwecksetzung, Künstler/in). Dieses Vorgehen führt auch zu seinen scharfen begrifflichen Trennungen von Denken und Handeln sowie Theorie und Praxis, die eigentlich nur aus methodischen Gründen gerechtfertigt sind. In Bezug auf die Kunst bleibt unklar, ob und wann ein Werk ein Kunstwerk ist, welche Rolle die Absicht des Künstlers, der Künstlerin spielt, oder ob es nur dann Kunst ist, wenn sie gelingt (wie immer das auch festgestellt werden mag).

Ein Begriff scheint mir in dem Zusammenhang vernachlässigt: Kommunikation. Wenn es um Kommunikationstechnologien geht, dann man fragt sich, wer mit wem kommuniziert. Der Terminus wird für jede Kombination von Mensch und Maschine verwendet, wobei die Mensch-Mensch-Beziehung die Metapher für die anderen liefert, d. h. jene als Simulation von Kommunikation zu verstehen sind. Der Frage nachzugehen, inwieweit man vermeiden kann, dass dieser Unterschied aus dem Bewusstsein verschwindet, scheint mir lohnend. Nicht die Technik entscheidet über das Selbst- und Weltverständnis des Menschen, sondern der Mensch, der angesichts der neuen Möglichkeiten von vielem zwar entlastet wird, nicht aber von einer immer stärker ihn fordernden Verantwortlichkeit. Die Kritik der Digitalisierung wäre hier im Hinblick auf eine Kritik des Umgangs mit der Digitalisierung zu schärfen.

Hamburg: Felix Meiner Verlag. 2025
186 Seiten
19,90 €
ISBN 978-3-7873-4920-9

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