Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Daniela Blum: Der katholische Luther

„Der katholische Luther“ wird uns in dieser Publikation angekündigt, die von Daniela Blum, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen, verfasst wurde. Sie spielt mit dem Titel auf einen der bedeutendsten katholischen Lutherforscher des 20. Jh.s an, Joseph Lortz, der Luther als „Reformkatholiken“ darstellte und durch die Überwindung konfessionalistischer Deutungsschemata für Katholiken neue Zugänge zu Luther eröffnete. Laut Umschlagtext nähert sich das Buch Luther über seine Begegnungen mit „Katholiken“, wobei das „Katholische“ keine Konfessionsbezeichnung, sondern einen „Lebenszusammenhang“ bedeute. Was aber hat das genau zu bedeuten?

Das Buch ist abgesehen von Einleitung und Fazit in drei große Kapitel gegliedert, die „Prägungen“, „Begegnungen“ und „Rezeptionen“ Luthers behandeln: Prägungen durch Staupitz, Tauler, Bernhard von Clairvaux, Thomas von Aquin und Augustinus (in dieser Reihenfolge), Begegnungen mit Tetzel, Prierias, Cajetan und Eck, sowie Rezeptionen durch Cochlaeus, Döllinger, Denifle und Pesch. Jede einzelne Persönlichkeit wird dabei sehr knapp biographisch und in ihren Bezügen zu Luther vorgestellt, umgekehrt werden in den meisten Kapiteln auch Aspekte der Theologie Luthers präsentiert. Jedes Kapitel ist erfreulich quellennah konzipiert und nah an der aktuellen Forschung verfasst; jedes Kapitel für sich bietet eine gute Hinführung zum Thema „Luther und …“, ist engagiert und in leicht zugänglichem Stil geschrieben. Freilich geht die Gliederung mit einem statischen Luther-Bild einher, Entwicklungen in Luthers Theologie und Persönlichkeit treten zugunsten der punktuellen Darstellung der „Begegnung“ in den Hintergrund.

Einige sprachliche und sachliche Unstimmigkeiten fallen auf, aber weniger ins Gewicht (z.B. S. 44: Luthers Bußverständnis impliziert nicht die Abschaffung des Mönchtums; S. 85: Die 95 Ablassthesen sind nicht unbedingt „akademisch-vorsichtig“ formuliert, denkt man an das „Docendi sunt christiani...“; S. 98: Prierias wird nicht wegen seiner Zugehörigkeit zum Dominikanerorden in den Lutherprozess einbezogen, sondern in seiner Eigenschaft als Magister Sacri Palatii; S. 155: das Erste Vatikanische Konzil tagte nicht 1870/71, sondern 1869/70; zu Cochlaeus fehlt ein Hinweis auf den „Septiceps Lutherus“ als hermeneutischem Schlüssel zu den Lutherkommentaren; Karl von Miltitz heißt bei Blum durchweg „Militz“). Auffälliger ist da schon, dass die Auswahl der behandelten Autoren in den Abschnitten zu „Begegnungen“ und „Rezeptionen“ nicht begründet wird.

Gravierender sind konzeptionelle Probleme des Bandes. Dies beginnt beim Begriff des „Katholischen“, den die Verfasserin zwar einleitend problematisiert, doch dann im Unklaren belässt. Zweifellos ist ihr zuzustimmen, dass der Begriff „katholisch“ im Sinne einer dogmatisch-konfessionellen Beschreibung nicht als historiographische Kategorie taugt, doch ist „Lebenszusammenhang“ besser? Zwar lässt sich damit ein konfessionalistisches Missverständnis abwehren, doch wird kein hinreichend bestimmter und damit adäquater Ersatz geboten. Denn an keiner Stelle des Buches wird näher erläutert, was mit dem Begriff gemeint sein soll – nur auf S. 183f. wird insinuiert, dass es um die Gesamtheit und Interrelation der Rollen einer Person, in diesem Fall Martin Luthers, gehen könnte. Träfe dies die Intention der Verfasserin, wäre dies nicht nur wenig aussagekräftig, sondern vernachlässigte auch die Ebene der Theologie, auf der sie die Brüche Luthers mit der Kirche seiner Zeit durchaus überzeugend aufzeigt. Freilich hat der durchweg unklare Begriff des Katholischen letztlich zur Folge, dass „katholisch“ dann doch wieder im konfessionellen Sinn verwendet wird. Ein Indiz dafür mag die Tatsache sein, dass die Leipziger Disputation ausschließlich aus Luthers Perspektive dargestellt wird, die dann auch nicht weiter quellenkritisch hinterfragt wird. Außerdem sind es in Kap. II die ausdrücklichen Luther-Gegner bzw. in Kap. III eben römisch-katholische Autoren, die vorgestellt werden; so vermisst man für das 16. Jahrhundert „Katholiken“, die sich jenseits bekannter Schwarz-Weiß-Schemata bewegten, wie Erasmus von Rotterdam, Willibald Pirckheimer oder Pier Paolo Vergerio. Diese scheinbar billige Kritik verweist auf das eigentliche Problem, die trotz aller Beteuerungen eben doch konfessionelle Konnotation von „katholisch“ bei Blum. Das ökumenische Anliegen der Verfasserin spiegelt demgegenüber ihr Abschnitt über Otto Hermann Pesch, der durch sein systematisch-theologisches Interesse ein wenig fremd unter den historiographischen Darstellungen wirkt. Ohne Peschs Bedeutung in Frage stellen zu wollen: Mehr Kohärenz hätte sich mit Ausführungen zu Joseph Lortz, Hubert Jedin (beide nur kurz erwähnt), Sebastian Merkle, Adolf Herte oder Erwin Iserloh (die nicht vorkommen) erzielen lassen. Und ausgerechnet bei Pesch, von dem die Verfasserin das Konzept „Lebenszusammenhang“ übernimmt, verschiebt sich der Akzent des „Katholischen“ von diesem Zusammenhang zur Theologie.

Das zweite hier zu benennende Problem besteht hinsichtlich des Kirchenbegriffs bzw. der Ekklesiologie. Letztere ist zweifellos ein Zentralthema der frühen Reformation, doch rückt die Verfasserin es bewusst an den Rand. Der Kirchenbegriff sei zu sehr auf die Unterscheidung zwischen „Innen“ und „Außen“ angelegt und führe daher zu Exklusivismen, denen gegenüber es die Bandbreite des „Katholischen“ festzuhalten gelte. Durch die Ausblendung ekklesiologischer Debatten vergibt sie sich folglich manche Chance auf ein präziseres Verständnis der dargestellten Vorgänge. Dies gilt besonders für Luthers frühe Kontrahenten aus Italien, die von den Debatten um das 5. Laterankonzil geprägt waren und daher mit dem Arsenal antikonziliaristischer Argumentationen bestens vertraut waren bzw. Luther auf dieser Ebene rezipierten. Blum selbst verwendet den Begriff „die Kirche“ so flexibel wie unscharf, indem sie damit Hierarchie, Lehramt oder „Lebenszusammenhänge“ bezeichnet. Die im Fazit formulierte Behauptung, das Thema Kirche sei in der Darstellung „stets mitbedacht“ worden, konnte der Rezensent daher nicht nachvollziehen.

Als Einführung in das Thema „Luther und ...“ eignet sich Blums Buch durchaus, sei es im Proseminar, sei es zur Auffrischung der eigenen Kenntnisse. Die Bibliographie am Ende verzeichnet in subjektiver Auswahl relevante Literatur, die zum Weiterlesen hilfreich sein mag.

 

Paderborn: Ferdinand Schöningh Verlag. 2016

221 Seiten

24,90 €

ISBN 978-3-506-78238-0

Zurück