Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Daron Acemoglu / Simon Johnson: Macht und Fortschritt. Unser 1000-jähriges Ringen um Technologie und Wohlstand

Das Buch ist eine wirtschaftshistorische Untersuchung. Bei der gegenwärtigen digitalen Technologieorientierung stellen sich die alten Konflikte verschärft neu. Bei der Einführung neuer Technologien gibt es immer die Optionen Beteiligung am Fortschritt versus Ausbau der bestehenden Machtverhältnisse. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Vision und die Überzeugungsmacht derer, die eine neue Technik einsetzen. Paradigmatisch steht dafür Ferdinand de Lesseps (1805-1894): Der Erfolg beim Bau des Suezkanals half ihm, Geldgeber zu überzeugen, doch sein Beharren auf einem Kanal ohne Schleusen führte zu seinem Scheitern, weil er die Topographie in Panama und die Kritik anderer Ingenieure ignorierte.

Die Untersuchungen von Daron Acemoglu und Simon Johnson konzentrieren sich auf England und die USA. Im Mittelalter gab es viele neue Technologien, von der Fruchtfolge über den Räderpflug und Traubenpressen bis hin zu Frachtkähnen und verbesserte Verarbeitung von Eisen. Prägend waren die Mühlen. Doch die Bauern hatten davon nichts, vielmehr erhöhten sich der Reichtum und die Macht lokaler Eliten. Klöster in England machten keinen Unterschied, wie die Geschichte um den Bau einer neuen Mühle nicht weit von der Klostermühle zeigt. Aufgrund der lokalen Gerichtsbarkeit wurde sie wieder abgerissen.

Wie wichtig Spielregeln und Institutionen sind, zeigte sich nach der Abschaffung der Sklaverei. Eine wirtschaftliche Befreiung wie eine Bodenreform als Grundlage zur eigenständigen Existenz scheiterte, weil die Befürworter der Sklaverei wieder an die Macht kamen.

Im England des 16.und 17. Jahrhunderts gab es institutionelle Veränderungen, welche einer aufstiegsorientierten „Mittelschicht“ Chancen bot, von Erfindungen selbst zu profitieren. Diese frühe Industrialisierung hatte keine inklusive Vision mit der Folge, dass es den Arbeitern schlechter ging. Elend in den Städten, verpestete Umwelt und Seuchen führten zu einem miserablen Gesundheitszustand und einer geringen Lebenserwartung. Staatliche Kommissionen untersuchten die Zustände und forderten hygienische Maßnahmen wie eine Kanalisation. Erst der Mangel an Fach- und Arbeitskräften führte zu höheren Löhnen. Für das späte 19. und generell das 20. Jahrhundert wurden Zusammenschlüsse und Gewerkschaften zu einer Gegenmacht, die höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen erringen konnten.

Die Zeit nach dem II. Weltkrieg war geprägt von hohem Wirtschaftswachstum und dem Ausbau von Gesundheits- und Bildungswesen sowohl in den USA wie in Nord- und Westeuropa. Es gab eine Phase von geteiltem Wohlstand, bis die Automatisierung mit dem Ziel der Senkung der Arbeitskosten einen anderen Pfad einschlug. Ronald Reagan setzte eine Deregulierung durch, senkte die Unternehmenssteuern und schwächte die Gewerkschaft – und folgte damit Margaret Thatcher in Großbritannien. Für dieses ökonomische Programm stehen Namen wie Milton Friedman, der das einzige Ziel von Unternehmen in der Steigerung von Gewinnen sah: „The business of business is business“. Manager börsennotierter Unternehmen haben die Pflicht, die Gewinne der Aktionäre zu maximieren, nichts anderes, so Michael Jensen, der dieses Programm in die Business-Schools brachte.

Der Einsatz „Künstliche Intelligenz“ hat eine tiefgreifende Verteilungswirkung und die Digitalisierung schwächt die Gegenmächte. Beide Autoren untersuchen den Hype um KI und zeigen die Grenzen eines rein technologischen Ansatzes. Potentiale sehen sie, wo Technologien die Produktivität menschlicher Arbeitskräfte stärken. Sie kritisieren eine Datennutzung, die der Überwachung und Kontrolle dienen. Insbesondere Geschäftsmodelle, die sich auf Werbeeinnahmen stützen, begünstigen durch ihren Algorithmus die Gefahr der Verbreitung von Desinformation.

Das Kapitel Neuausrichtung der Technologe zählt einige Maßnahmen auf wie das Umschreiben von Narrativen und Normen, die Stärkung von Gegenkräften und Dateneigentum, politische Ansätze im Rahmen der Ordnungspolitik zu nutzen und die Zerschlagung der Tech-Konzerne.

Die Sozialgeschichte setzt sich bei der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz fort, ebenso die Auseinandersetzungen um Macht- und Verteilungsfragen. In Europa gibt es mit der Datenschutz-Grundverordnung und dem Digital Markets Act erste Instrumente. Die aktuelle Auseinandersetzung mit den digitalen Monopolen und deren neuen Technologien wird bleiben. Demokratien sollten sich nicht in Sicherheit wiegen.

Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt
Frankfurt / New York: Campus Verlag. 2023
539 Seiten m. s-w Abb.
34,00 €
ISBN 978-3-593-51794-0

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