Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Dietmar Hübner: Was uns frei macht

Entgegen allen Unkenrufen, die den Niedergang der Geisteswissenschaften beklagen, gibt es auch aktuell in der einschlägigen Publikationslandschaft traditioneller Fächer Leuchttürme, die wie bei dem hier zu besprechenden Buch ungeahnte Erhellung für ein Thema der klassischen Philosophie verschaffen und damit neuen Optimismus rechtfertigen. Nachdem um die Frage nach der Willensfreiheit in den Nuller Jahren des neuen Jahrtausends zum Beispiel durch die Wiederholung der sogenannten Libet-Experimente und Veröffentlichungen der Hirnforscher Wolf Singer und Gerhard Roth eine lebhafte Diskussion entbrannte, die zumindest im deutschen Feuilleton ihren vorläufigen Abschluss in der von dem FAZ-Redakteur Christian Geyer 2004 herausgegebenen Aufsatzsammlung „Hirnforschung und Willensfreiheit. Zur Deutung der neuesten Experimente“ fand, könnte nun das Werk „Was uns frei macht. Ein Versuch über die Autonomie des Willens“ neuen Schwung in die Debatte bringen.

Der Autor, Dr. Dietmar Hübner, bekannt durch seine Youtube-Videos, die auch philosophische Laien adressieren, ist Professor für Praktische Philosophie. Dass er mit seinem aktuellen Werk über das unmittelbare Fachpublikum hinaus größeren Erfolg erzielen könnte, liegt neben seinem didaktischen Geschick an einer höchst präzisen Sprache, die im Gegensatz zu derjenigen vieler seiner Kollegen auf jegliche Eitelkeit und unnötige Kompliziertheit verzichtet, dafür aber erkennen lässt, dass er die naturwissenschaftliche Exaktheit, die ihm als Diplom-Physiker eigen ist, mit seiner künstlerischen Begabung (vor allem als Lyriker und Komponist) zu einer spannungsvollen Synthese verknüpft. Sehr hilfreich für das Verständnis des Gedankengangs sind zahlreiche Wiederholungen, die es nach längeren Lektüreunterbrechungen erlauben, wieder in die Argumentation hineinzufinden und sie gut nachvollziehen zu können. Ebenfalls mit großem Gewinn lesen sich die in der Sache sehr sinnvollen, in die Tiefe gehenden Ausflüge in die Geschichte der Philosophie, bei denen klassische Positionen (z.B. von Kant und Wittgenstein) pointiert dargestellt und kritisiert werden.

In der Frage der Willensfreiheit vertritt Hübner einen strikten Kompatibilismus, also die Annahme einer Verträglichkeit von lückenloser Naturkausalität und menschlicher Willensfreiheit, und damit eine klare Gegenposition sowohl zu deterministischen als auch zu libertaristischen Auffassungen. Breiten Raum nimmt in dem Buch die Diskussion mit den ebenfalls kompatibilistischen Ansätzen von Harry Frankfurt und Wilfried Sellars sowie die Zurückweisung eines für defizitär erachteten Perspektiven-Dualismus, „sei er semantischer oder auch phänomenaler Art“, ein. Selbstbewusst bekennt sich Hübner zu einem „Platonismus des Rationalen“; ihm gemäß dürfen Gründe, ontologisch grundlegend von Ursachen unterschieden, „nicht als psychische oder soziale Erscheinungen missdeutet werden, womit ihr dezidiert nichtkausaler Charakter verloren ginge. Gründe müssen vielmehr als ursprünglich rationale Gebilde begriffen werden, die als solche allen kausalen Mechanismen entzogen sind.“ Damit einher geht die Notwendigkeit, metaphysische Probleme mit metaphysischer Argumentation anzugehen. Auf diese zu verzichten, endet nach Hübner „nicht mit einer metaphysikfreien Lösung, sondern in schlechter Metaphysik.“ Deren gelungene Variante dagegen führt zu einer Formulierung, die in ihrer entwaffnenden Einfachheit besticht: „Zusammen genommen besteht die Freiheit des Willens darin, dass unser Entscheiden und unser Handeln von rationalen Gründen bestimmt wird, die im reflexiven Bewusstsein gegenwärtig sind.“

Der an der Universität Hannover lehrende Philosoph hat mit diesem Buch einen überzeugenden Gedankengang vorgelegt, seine Einwände gegen die in die Debatte zum Beispiel von Habermas und Nida-Rümelin eingebrachten Überlegungen sind gut nachvollziehbar; die dargestellte Position dürfte auch außerhalb des deutschsprachigen Raums große Resonanz auslösen.

Ein Versuch über die Autonomie des Willens
stw 2443
Berlin: Suhrkamp Verlag. 2025
408 Seiten
26,00 €
ISBN 978-3-518-30043-5

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