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Dirk Sager: Das Amosbuch heute lesen
Die Reihe „bibel heute lesen“ des Theologischen Verlags Zürich bietet einem breiteren Adressatenkreis fundierte theologische Zugänge zu einem biblischen Buch mit besonderer Berücksichtigung von Zeugnissen der Auslegungs- und Rezeptionsgeschichte und der Zielperspektive einer heutigen Fruchtbarmachung der jeweiligen biblischen Botschaft. Für das Buch Amos hat Dirk Sager, Professor für Altes Testament an der Theologischen Hochschule Elstal, eine ebenso übersichtliche wie vielseitige Einführung in dieser Reihe vorgelegt.
Sukzessive erschließt er die Großabschnitte der Amosschrift im Sinne eines literarisch inszenierten Gerichtsprozesses (vgl. 35 und die Kapitelüberschriften: Am 1,3-2,16: Anklage; Am 3-6: Disputation; Am 7-9: Urteil). Eine solche dramatische Darbietung erinnere als eine Art „Prophecy Slam“ (21) an heutige Poetry Slams. Generell weitet Sager den Blick für aktualisierende, teils auch ungewöhnliche Berührungspunkte aus der Musik (z.B. „Einstürzende Neubauten“), Kunst (z.B. den Prophetenzyklus G. Meistermanns aus St. Gereon, Köln) oder Literatur (v.a. das Sprechstück zu Amos von W. Vogt). Auf synchroner Ebene erläutert er immer wieder Beispiele für die anspruchsvolle literarische Komposition des Amosbuches (vgl. u.a. die auch sachlich bedeutsame Ringkomposition Am 5,1-17). Die gesamte Schrift wolle als Ganzes wahrgenommen werden und dürfe nicht auf einzelne Zitate reduziert werden. Die intertextuellen Bezüge innerhalb des Zwölfprophetenbuches v.a. in der Motivik (Bild des brüllenden Löwen, Motiv der Stille) setzen das Amosbuch in ein noch umfassenderes Wechselspiel einander erhellender Interpretationen. In diachroner Perspektive verweise die formal wie inhaltlich vielstimmige Komplexität auf eine längere und wohlbedachte Entstehungsgeschichte vor dem historischen Hintergrund Israels und Judas vom 8. bis 5. Jh. v. Chr. So sei der älteste Schriftprophet Amos, stilisiert als Viehhirt und Maulbeerfeigenzüchter, von Anfang an und auch über die Zeiten der Verschriftlichung hinaus als literarische Identifikationsfigur angelegt.
Was es heißt, die Amosschrift vor dem Hintergrund heutiger globaler Herausforderungen zu lesen, zeigt sich bereits zu Beginn von Sagers Ausführungen: In Anknüpfung an das schon in der Ouvertüre Am 1,1 zentrale Motiv des Erdbebens setzt sein Buch sehr unvermittelt ein mit der Erinnerung an das Beben in der Türkei und in Syrien 2023. Doch dies ist nur eines von vielen Beispielen, in denen die fatalen Wechselwirkungen zwischen sozialer Ungerechtigkeit und ökologischen Katastrophen thematisiert werden. Amos zeichnet eine Welt aus den Fugen, in ihren Grundfesten erschüttert durch die Ausbeutung der Armen und Schwachen seitens der Reichen und Mächtigen. Die Wucht, mit der er die „gespaltene Gesellschaft“ seiner Zeit anprangert, trifft auch unsere heutige Wirklichkeit und ruft dazu auf, die Augen nicht vor himmelschreiendem Unrecht zu verschließen. Die Unerbittlichkeit seiner Gerichtsschilderungen spiegelt sich in aktuellen Zukunftsängsten. Dass für ihn jedoch das Ende der Beginn eines neuen Anfangs ist, lässt seine Schrift zu einem Hoffnungsbuch werden. Sager stellt überzeugend dar: Das Amosbuch ist (auch) für heute geschrieben!
Zürich: Theologischer Verlag Zürich. 2025
140 Seiten m. farb. Abb.
19,80 €
ISBN 978-3-290-18742-2
