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Dorothea M. Salzer: Mit der Bibel in die Moderne. Entstehung und Entwicklung jüdischer Kinderbibeln
Seit der Reformation wurden mehr als 1.000 Kinderbibeln in deutscher Sprache gedruckt, ein Trend, der bis heute anhält. Das war bekannt und wurde inzwischen vielfach wissenschaftlich dokumentiert und untersucht. Auch der Befund, dass sich darunter um die 30 explizit jüdische Kinderbibeln befinden, wurde – zumindest in Fachaufsätzen – belegt und analysiert. Was bislang fehlte, war eine gründliche Monographie zum Thema, die neben den zahlreichen christlichen Studien die jüdische Perspektive ins Zentrum rückt.
Diese Studie liegt hiermit vor. Im (ersten Teil) ihrer Habilitationsschrift kann Dorothea M. Salzer weit mehr als 100 solcher Werke nachweisen, angefangen vom in hebräischer Sprache gehaltenen „Buch der Geschichte Israels“, erschienen in Prag im Jahr 1706, bis zur großartigen fünfbändigen „Kindertorah“ „Erzähl es Deinen Kindern“ von Hanna Liss und Bruno Landthaler (2014-2016). Damit schließt die Studie eine wichtige philologische Lücke, vor allem aber eine Wahrnehmungsleerstelle in religionspädagogischer Forschung und jüdisch-christlichem Austausch.
Einige Hürden sind zu überwinden. Zunächst: Was ist das eigentlich, eine „jüdische Kinderbibel“? Eine fest etablierte Definition gibt es nicht. Die Verfasserin bestimmt diesen „Sammelbegriff“ als Bezeichnung für „solche Bearbeitungen des biblischen Textes“, die „zum Zweck der Bibelvermittlung an jüdische Kinder und Jugendliche angefertigt wurden“ (2). Dass die Verfasser und – deutlich seltener – Verfasserinnen selbst dem Judentum angehörten und gehören, wird dabei vorausgesetzt.
Jüdische Kinderbibeln entstanden später als ihre christlichen Gattungsnachbarinnen, an denen sie sich vielfach eng orientierten. „Gegen Ende des 18. Jahrhunderts“ (5) kam es zur Herausbildung dieser Genres. Zwei Bewegungen waren dafür verantwortlich: einerseits Öffnungen des damaligen Judentums hin zur deutschen Kultur, andererseits grundlegende pädagogische Neuorientierungen in der Gesamtgesellschaft, in welcher die Perspektive der Kinder neu in den Blick genommen wurde. Jüdische Kinder sollten so in die Kultur hinein sensibilisiert werden, ihre religiösen Urschriften in deutscher Sprache kennenlernen, gleichzeitig aber auch in für sie verständlichen Sprachvarianten lernen dürfen. Salzer spricht von „kultureller, intralingualer und interlingualer Übersetzung“ (12).
Zwei Werke fanden starke Verbreitung: Moses Mordechaj Büdingers „Der Weg des Glaubens“ (1823) und eine Generation später Jakob Auerbachs zweibändige „Kleine Schul- und Haus-Bibel“ (1854-1858). Ganze Generationen von Juden und Jüdinnen lernten mithilfe dieser Kinderbibeln ihre religiöse Urschrift kennen. Im 20. Jahrhundert folgten vor allem zwei weitere Werke diesen Vorbildern. Joachim Prinz präsentierte in „Helden und Abenteurer der Bibel“ (1930), „Die Geschichten der Bibel“ (1934) und „Die Reiche Israel und Juda“ (1936) zionistisch inspirierte biblische Erzählungen, die mittels „Abenteuer und Heldentum“ (98) die Bibel als faszinierende Lektüre erschließen sollten. Ähnlich, aber eher mithilfe von Anleihen aus Märchen und Legenden, arbeitete AliceOppenheimer in ihren Heften „Eine Mutter erzählt die Bibel“ (1934-36).
Die Shoa erwies sich als tiefer Einschnitt für die Produktion von jüdischen Kinderbibeln in deutscher Sprache. Welchen Kindern sollte man die Bibel unter welcher Perspektive erzählen? In den 1960er Jahren erschienen immerhin zwei Versionen. Abrascha Stutschinskys zweibändiges Werk „Die Bibel für Kinder erzählt nach der heiligen Schrift“ (1964) wurde nicht zufällig in der Schweiz publiziert. Es galt mehrere Jahrzehnte als einzige deutschsprachig verfügbare Kinderbibel. Oft übersehen wurden dabei Hella Taubes zwei kindgerecht bebilderte Bände „Die Bibel erzählt“ (1963) und „Im heiligen Land“ (1964), bis heute lesenswert.
Erst mit der benannten „Kindertorah“ „Erzähl es Deinen Kindern“ (2014-2016) liegt eine zeitgenössische jüdische Kinderbibel auf Augenhöhe vor. Konzipiert als Befähigung zur Teilhabe jüdischer Kinder und Jugendlicher am jüdischen liturgischen Jahreszyklus bietet sie – konzeptionell am Rande mitbedacht – auch für nicht-jüdische Lesende zweierlei: einen faszinierenden Einblick in die Spiritualität und Ästhetik jüdischer Kinderbibeln unserer Zeit, gleichzeitig aber auch die Chance zum interreligiös ausgerichteten jüdisch-christlichen Lernen. Es lohnt sich, bei ausgesuchten Passagen eine christliche Kinderbibel mit der jüdischen Kindertora zu vergleichen: Was ist gleich, wo gibt es Unterschiede? Ideal können Kinder entdecken, dass es weitgehende Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Urschriften gibt, aber eben auch Eigenes.
Salzers umfassende Studie bereichert gleich mehrere Diskurse: die interdisziplinär arbeitende Kinderbibelforschung zwischen Philologie und (Religions-)Pädagogik; die kulturwissenschaftlich-historische Erforschung des deutschsprachigen Judentums; die interreligiös arbeitende, komparativ ausgerichtete Religionsdidaktik. Eine Studie, die Spuren ziehen wird!
Studia Judaica 122
Berlin/Boston: Walter de Gruyter Verlag. 2023
367 Seiten m. s-w Abb.
99,95 €
ISBN 978-3-11-074867-3
