Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Dorothea Weltecke: Die drei Ringe. Warum die Religionen erst im Mittelalter entstanden sind

Dorothea Weltecke lehrt Europäische Geschichte des Mittelalters an der Humboldt-Universität zu Berlin. In ihrer jüngst erschienenen Monografie präsentiert sie die Ergebnisse ihrer langjährigen Forschungs- und Lehrtätigkeit im Bereich der transreligiösen und transkulturellen Phänomene des Mittelalters. Sie entwirft darin eine transreligiöse und transkulturelle Geschichte der Religionen Afroeurasiens im Zeitraum „zwischen Antike und Neuzeit“ (11) und macht damit ein alternatives Angebot zu traditionellen eurozentristischen religions- und kirchenhistorischen Entwürfen des Mittelalters. Das geschieht beispielsweise dann, wenn Weltecke die Kirche des Ostens in den Blick nimmt und ihre Angehörigen in der Quellenarbeit zu Wort kommen lässt. Christen gab es im Mittelalter eben auch in Asien und nicht nur im lateinischen Europa.

Weltecke vertritt die These, dass jüdische, christliche und muslimische Glaubenstraditionen zwischen dem 7. und 15. Jahrhundert exklusive soziale Strukturen und abgeschlossene Lehrgebäude herausbildeten und damit zu Religionen im modernen Sinne wurden. Die Religionswerdung von Judentum, Christentum und Islam begreift sie als einen gemeinsamen Prozess der zunehmenden Schließung, der allerdings immer wieder durch Austausch und Berührungspunkte zwischen den Traditionen durchbrochen wurde.

Sie argumentiert in fünf Schritten; dabei folgt sie keiner Chronologie: Im ersten („Orientierungen in einer neuen Landschaft“) und zweiten Teil („Lehrdefinitionen und Zugehörigkeiten“) gewähren Pilgerberichte und häresiographische Schriften aus jüdischer, christlicher sowie muslimischer Perspektive Einblicke in die Welten der Juden, Christen und Muslime. Diese waren seit dem 12. Jahrhundert sichtbar miteinander vernetzt und lebten in polyzentrischen religiösen Landschaften, hiermit schließt Weltecke an den aktuellen Forschungsstand an. Sie selbst macht die Verwobenheit der drei Traditionen u. a. an historischen Gegenständen wie etwa an den auf das 12. Jahrhundert datierten Lewis-Schachfiguren aus Skandinavien fest. Hier fand ein Spiel, das seine Ursprünge in Nordindien hatte, auch in Skandinavien Verbreitung und einzelne Figuren erhielten in diesem neuen Kontext eine neue Gestalt. Darüber hinaus sieht sie in häresiographischen Schriften die Formierung von Gruppenidentitäten und -zugehörigkeiten einsetzen.

Im dritten Teil („Was die Ringparabeln erzählen“) untersucht Weltecke Parabeln, die auf bildreiche und belehrende Weise vom Verhältnis der drei Glaubenstraditionen zueinander erzählen. Darunter befinden sich auch die Vorläufer der aus Lessings Drama „Nathan der Weise“ bekannten Ringparabel. Weltecke konstatiert zum einen, dass solche Parabeln in allen drei Traditionen „der geistlichen und weltlichen Unterweisung“ (vgl. 285) dienten, also Orientierungswissen vermittelten, um sich in den unübersichtlichen Glaubenswelten und damit in der eigenen Tradition sicher bewegen zu können. Zum anderen entdeckt sie, dass in den untersuchten Parabeln auf der Bildebene stets soziale und rechtliche Ungleichheiten bearbeitet wurden, z.B. innerhalb der Familie in Hinblick auf das Erbrecht, das den Erstgeborenen stets bevorzugte. Genau diese Beobachtung ermöglicht es Weltecke, die beiden Dimensionen Zugehörigkeit zu einer Glaubenstradition und sozialer Status zusammenzudenken und damit ihre These in den nächsten beiden Schritten zu entfalten. Anhand von didaktischen Schriften und Religionsgesprächen illustriert sie, wie diese beiden Dimensionen zusammenhingen und wie sich daraus die allmähliche Schließung der drei Glaubenstraditionen ergab. So kommt Weltecke im vierten Teil („Wahrheit und soziale Ordnung“) zu dem Ergebnis, dass soziale Hierarchien und Machtstrukturen stets Einfluss darauf nahmen, wie man die eigene theologische Position formulierte oder formulieren konnte. Hinzu kam, dass in einer sozialen Ordnung, in der die herrschende Person ihre Macht auf die Wahrheit ihres Glaubens zurückführte, exklusive theologische Standpunkte und konkrete Gruppenzugehörigkeiten bevorzugt wurden. Es galt: Wer sich zum Herrschenden und dessen Gott bekannte, war zugleich treuer Untertan (vgl. „Herrschaft und Wahrheit“). Ein solcher Machtanspruch und die damit verbundene gesellschaftliche Ordnung, die als gottgegeben daherkamen, beschleunigten letztlich die Schließung der Glaubenstraditionen hin zu exklusiven sozialen Formationen mit geschlossenen Lehrtheorien, so Weltecke.

Weltecke gelingt es durch ihren faszinierenden Zugang zu Quellen, der dem Erzählen von Geschichten nahekommt, die volle Aufmerksamkeit und Neugierde der Leserin für sich zu beanspruchen. Mit ihrem Blick auf Sozial- und Machtstrukturen legt die Autorin neue Erkenntnisse frei – so etwa, wenn sie die Funktion von Parabeln darin sieht, in erster Linie praktisches Weltwissen zu vermitteln, das dabei helfen sollte, sich in den vermachteten Glaubenswelten zurechtzufinden. Das Werk zeichnet sich durch gute Lesbarkeit aus und hat das Potenzial, auch Interessierte außerhalb der Fachcommunity zu erreichen. Außerdem gelingt es Weltecke, trotz der Unsichtbarkeit von Frauen in historischen Quellen, immer wieder an diese als historische Akteurinnen zu erinnern. Zu Beginn eines jeden Großkapitels verweist sie darauf, dass die untersuchten Quellen, weil von Männern geschrieben, die Perspektiven und Lebensrealitäten der Frauen nicht wiedergeben können. Damit lässt sie anklingen, dass die Rekonstruktion historischer Wirklichkeit immer unvollständig bleiben wird. Letztlich ermöglicht Welteckes Geschichtsentwurf Gleichzeitigkeiten, ob Abgrenzung oder Austausch zwischen den Traditionen, ob exklusive oder inklusive theologische Positionen, sie existierten stets parallel. Diese Stärke ihres Geschichtsentwurfs geht mit der fehlenden Chronologie Hand in Hand, die die Leserin ein manches Mal um ihre zeitliche Orientierung brachte.

München: C.H.Beck Verlag. 2024
608 Seiten m. farb. Abb.
38,00 €
ISBN 978-3-406-81192-0

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