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Engelbert Recktenwald: Am Ende wartet Gott. Versuche, die Philosophie zu Ende zu denken
Auch das neue Buch des Priesters, Philosophen und Theologen Engelbert Recktenwald kreist um die existenzielle Erfahrung des Gewissens, die er bereits in seinem Band „Wirklichkeitserschließendes Sollen“ von 2023 philosophisch ausgelotet hat. Eine Erfahrung, die nach eigenem Bekenntnis zu Beginn seines geistigen Weges entscheidend war für die Überwindung einer quälenden Krise, in die ihn die moderne Unterminierung des Wahrheitsbegriffs gestürzt hatte. Achtzehn Kapitel nähern sich dem Thema von unterschiedlichen Problemstellungen aus an, aber alle Zugänge führen zu der untrüglichen Gewissheit, die im Sittengesetz zu finden ist, und notwendig darüber hinaus zur Anerkenntnis der Existenz Gottes.
Einen ersten Zugang eröffnet der Zusammenhang zwischen Sittlichkeit, Sinnfindung und Glück. Wenn Sinn nicht flüchtig und relativ sein soll, muss er sich auf etwas Unbedingtes stützen, nämlich auf das Gute, das im Sittengesetz als Wert und objektive Norm vom Gewissen erkannt wird. Damit ist es zugleich Quelle des Glücks, denn, indem man sich daran ausrichtet, nimmt man teil an dem Erhabenen und Unbedingten, das nur Gott sein kann. Er ist ja als das Gute selbst das Sittengesetz in Person. Der scheinbare Widerspruch zwischen Glücksstreben und moralischem Handeln, bei dem man eigene Interessen zurückstellt oder sogar Nachteile in Kauf nimmt, löst sich auf, wenn moralgeleitetes Leben als gelingendes erfahren wird. In der liebenden Hinwendung zu den Nächsten strahlt das ihnen damit ermöglichte Glück nämlich zurück als eigene tiefe Zufriedenheit, die jedes selbstbezogene Glück übersteigt, weil sie in Einklang ist mit dem Guten selbst und der Liebe Gottes. Daraus ergibt sich für den Autor eine Kritik an Gesetzesethiken, wie sie u.a. Kant vertreten hat, die rein in der Erfüllung von Pflichten die moralisch gute Handlung sehen. Die Liebe sei vielmehr die „Mitte der Moral“. Dieser Zusammenhang von Moral, gelingendem Leben und Glück verweist als Nebenbefund auch auf einen wichtigen Gedanken zur Begründung der Theodizee, denn gelingen kann das Leben von Menschen nur dann, wenn es in einer Welt stattfindet, die Herausforderungen bietet und in der auch Scheitern und Versagen möglich ist. Eine paradiesische, aber unfreie Welt ohne Widerständiges und die Möglichkeit des Bösen böte das nicht.
Die Diskussion atheistischer Moralauffassungen ist ein weiterer überzeugender argumentativer Zugang des Autors. Philosophen, die ein naturalistisches Menschenbild vertreten, bestreiten die Objektivität des Sittengesetzes bis hin zu Nietzsches radikaler Behauptung, dass die Stimme des Gewissen eine Erkrankung sei, die den Menschen degenerieren lässt und seine Raubtierkräfte mit einer Sklavenmoral fesselt. Recktenwald diskutiert die beiden Konsequenzen, die sich für einen Atheisten aus der realen Erfahrung des Gewissens ergeben. Entweder sie leugnen dessen Geltung, indem sie es zu einer naturalistisch erklärbaren Illusion umdeuten, müssen dann aber zugeben, dass alles erlaubt ist, eine Erkenntnis, die den jungen Intellektuellen Iwan in Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ in eine schwere seelische Krise gestürzt hat. Oder sie schrecken vor dieser dem allgemeinen Empfinden und der Realität des Gewissens widersprechenden Annahme zurück und müssen dann zeigen, wie sich die Geltung der Moral ohne einen absoluten Urheber, also ohne Gott, begründen lässt. Diese Versuche gibt es. Sie scheitern jedoch daran, dass etwas Kontingentes, das nach naturalistischer Vorstellung aus einer zufallsgesteuerten Entwicklung hervorgegangen ist, keine objektive Geltung haben kann. Moralische Werte und Normen sind, wie Recktenwald formuliert, „in einem naturalistischen Weltbild Fremdkörper“. Damit ergibt sich ein „moralischer Gottesbeweis“, der aus der Objektivität des Sittengesetzes auf die notwendig anzunehmende Existenz Gottes schließt.
Weitere Sondierungen, wie etwa die Kritik an Magnus Striets Freiheitstheologie, nach der Gott sich den moralisch-ethischen Maßstäben des Menschen beugen muss, der Mensch mithin in absurder Weise, wie der Autor treffend formuliert, „Gesetzgeber Gottes“ wird, sodann die Aufdeckung der Schwachstellen des Versuchs von Julian Nida-Rümelin, einen moralischen Realismus zu formulieren, der Gott ausklammert, ein Blick auf den Konversionsweg von C.S. Lewis sowie auf Viktor E. Frankls psychotherapeutische Deutung des Gewissens, eine Interpretation des Werks von Tolkien und anderes mehr nehmen dieselbe zentrale Erkenntnis in den Blick, aus verschiedenen Perspektiven, die sich nach dem Bild des Autors „wie Puzzleteile zu einem Ganzen zusammenfügen“.
Der Band schließt mit einer längeren Meditation des erschütternden und unabweisbaren Gedankens, der sich aus dem Sittengesetz und der Existenz Gottes ergibt, dass alles, was wir in diesem Leben an Gutem und Bösem wirken, ewig weiterwirkt, den Heilsplan Gottes fördernd oder hemmend. Göttliche Gnade und menschliche Freiheit wirken dabei zusammen, jeder Mensch an dem Platz, an den er gestellt ist, der kein herausgehobener sein muss.
Engelbert Recktenwald hat damit ein weiteres wichtiges Buch vorgelegt, das in Zeiten, in denen selbst Theologen den Menschen zum „Gesetzgeber Gottes“ machen wollen, eine klare moralphilosophische Orientierung bietet.
Illertissen: Media Maria Verlag. 2025
160 Seiten
17,95 €
ISBN 978-3-947931-61-3
