Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit.

Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt

Die literarische Gattung der „Streitschrift“ erlebt einen Boom. Sozial engagierte Menschen schreiben Texte, in denen sie auf Missstände aufmerksam machen und zur Verbesserung anregen wollen. Oft sind solche Texte ganz bewusst einseitig gehalten – es gilt einzig und allein die Provokation. Den Lesern soll ein emotionales Geständnis abgerungen und eine impulsive Reaktion abgenötigt werden: nur selten findet sich konstruktive Kritik, die angewendet werden kann. Deshalb werden die Verfasser, die zwar in der Regel vom Fach sind, als Schwätzer, Nörgler, Schlechtmacher und Großmäuler tituliert, die man nicht ernst zu nehmen braucht.

Als ein solches „Großmaul“, als „Werbefuzzi“ und „Besserwisser“, outet sich der Autor Erik Flügge gleich zu Beginn: Er sieht sich als jemand, der genau in dem Alter ist, „in dem man keine Zeit hat für Sinnkrisen und damit auch nur wenig Bezug zur Kirche“. Er gehört keiner typischen Zielgruppe der Kirche an und sieht sich selbst als „verlorenene(s) Schaf, nach dem man längst die Suche aufgegeben hat.“ Diese Taktik des Sich-selbst-Kleinmachens ist ein alter Hut. Macht sie das Buch interessanter? Nein, aber es macht dennoch Lust, es zu lesen.

Mich hat bereits der Titel angefixt, denn der verspricht so einiges. Es ist heute ja äußerst modern, auf Religion und Kirche zu schimpfen: In Berlin fahren Busse mit der Aufschrift „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben“; der militarisierte, zu Terrorzwecken missbrauchte Glaube hat dafür gesorgt, dass sich Menschen von den Kirchen zurückziehen. Doch diese Dinge sind nicht das Thema dieses essayistischen Textes.

Der Verfasser kennt die katholische Kirche und hatte die klassische Laufbahn eingeschlagen: Er war Messdiener, Obermessdiener, Jugendverbandler und hat sogar einige Semester Theologie in Paderborn studiert. Dann aber hat er radikal gebrochen und wurde BWLer; heute ist er Dozent und Experte für Beteiligungsprozesse und berät hauptsächlich Politiker in allen Bereichen der Kommunikation und in der Entwicklung von Partizipationsprozessen.

Flügge unterteilt seinen provokativen Text „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ in die fünf Handlungsmuster Zorn, Angst, Schweigen, Nähe und Hoffnung. Die Hoffnung steht am Ende, natürlich. Doch zunächst bricht sich der Zorn Bahn, der Zorn auf die verknöcherten, altbackenen Strukturen in Kirche und Gemeinde, die eine Erneuerung, eine Reformation nach dem Beispiel Martin Luthers überhaupt nicht zulassen. Er beschreibt die pastorale Praxis des Predigens und deckt ihre Schwächen auf. Ja, er gibt der verkorksten Predigt, die keinen der Gläubigen mehr erreicht und ihn nicht mehr da abholt, wo er steht, die Schuld für die abnehmende Popularität der Kirche und des Glaubens.

Doch Flügge macht sich nicht nur Luft: Er nimmt seine Leser an die Hand, indem er sie teilhaben lässt an seiner emotionalen Befindlichkeit, seinem Zorn, seiner Wut, seiner Ratlosigkeit, seinem Unvermögen, Dinge zu verstehen oder gar ändern zu können. Er macht immer wieder konstruktive Vorschläge, wie die Kirche die Art und Weise der Verkündigung ändern kann. Radikaler, direkter, ungeschönter, moderner soll die Sprache des Priesters sein, unmittelbarer und näher an der Erfahrungswelt seines Zuhörers seine Beispiele und Metaphern. Authentizität ist das Schlagwort, das sich wie ein roter Faden durch den Text zieht. Aber ist das auch umsetzbar? Ist es vertretbar, wenn er den Menschen als den Mittelpunkt des Glaubens und der Kirche begreift, wo wir uns doch alle um Jesus Christus als unseren Mittelpunkt gruppieren sollten? Das führt beim Leser oftmals zu einer Verwirrung, bei der nicht klar wird, ob sie intendiert ist.

Flügges Streitschrift weckt den Eindruck, als habe man einzelne Blogtexte zu einem Buch werden lassen. Zwar fehlt an einigen Stellen der innere Zusammenhang, aber genau das macht das Buch so spannend, so unorthodox und modern – ein 160 Seiten langer Bewusstseinsstrom, der in Vielem nachdenklich werden lässt, und in dem sich jeder von uns irgendwie wiederfindet, sofern er sich als katholischer oder evangelischer Christ versteht. Neuheiden, Atheisten und Andersgläubige indes werden weitere, diesmal pastorale Argumente finden, die sie in der Ablehnung des christlichen Glaubens bestärken.

München: Kösel Verlag. 2016
160 Seiten
16,99 EUR
ISBN 978-3-466-37155-6

 

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