Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Eugen Drewermann: „Luther wollte mehr“

Der Reformator und seine Glaube
Im Gespräch mit Jürgen Hoeren


Eugen Drewermann bietet in seinem ausführlichen Gespräch mit Jürgen Hoeren viele interessante Anstöße zur Beschäftigung mit Martin Luther in biografischer, historischer, theologischer und existentieller Hinsicht. So stellt er den Reformator als einen Mann mit epochemachender Wirkung dar, macht deutlich, was von ihm bis und für heute zu lernen ist, zeigt aber auch seine zeitbedingten Grenzen, Fehlurteile und nicht genutzten Möglichkeiten, sodass Ansätze im Denken des Reformators „weiterentwickelt“ werden müssen.

Das Buch mit drei Abschnitten fragt nach der Bedeutung Luthers (11-84); im Zentrum stehen Ausführungen zum dreimaligen reformatorischen „Allein“ (85-264), abschließend geht es um Verhältnis von Religion und Gesellschaft (265-319). Drewermanns Kenntnis von Luthers Biografie sowie seine vielfältigen Bezüge auf dessen umfangreiches Werk ermöglichen es ihm, auf die historisch erklärbaren Grenzen seines Denkens hinzuweisen, aber weit mehr: Fragen und Perspektiven des Reformators als Lebensfragen heutiger Zeitgenossen zu erkennen, sie in ihre Sprache zu übersetzen und daraus weiterführende Sichtweisen zu gewinnen.

Die differenzierten Ausführungen Drewermanns bieten interessante Anstöße: einen Zugang zu Luthers Gnadenverständnis als die Erfahrung, unbedingt angenommen zu sein; eine Ermutigung der Kirchen der Reformation, auch in der heutigen Gesellschaft zu sich selbst zu stehen; einen Appell an den römischen Katholizismus, er möge die wegweisenden reformatorischen Anstöße endlich in sein Zentrum einlassen und nicht zuletzt die mehrfach variierte zentrale Einsicht, Menschlichkeit zu leben sei möglich im Vertrauen auf die begleitende Zuneigung Gottes, des Vaters Jesu Christi. Denn: Luthers Kernerfahrung bestehe in der „Rückgewinnung der Botschaft Jesu“. Durch Bezüge zu existenzphilosophischen und tiefenpsychologischen Perspektiven erfasst Drewermann den ganzen Menschen Martin Luther in seiner Lebenssituation. 

Bei vielen aktualisierenden Bezügen dient Drewermann der Reformator als Ausgangspunkt für eigene Themen und Sichtweisen. So stößt man dank des weitgefassten Fragens Jürgen Hoerens auf lesenswerte vertiefende Passagen zu Fragen unterschiedlicher Art – auf lebenspraktische wie „Angst oder Vertrauen“, auf Möglichkeiten erlösender Erfahrungen in der zwischenmenschlichen Begegnung, auf philosophische wie „Das neue Menschenbild“ und auf theologische wie das Verständnis der Sündenfallerzählung (vgl. Gen 3,1-7) und des Kreuzestodes Jesu.

Hoerens unaufdringliche, auch kritische Fragen und Drewermanns unprätentiöse, unpolemische Antworten zeigen Sympathie füreinander und für den Gesprächsgegenstand. Manchmal scheint es so, als hätte der weiterentwickelte Luther den Vornamen Eugen. Aber diesen Eindruck widerlegt der Lutherkenner Drewermann, denn seine Ausführungen bleiben auf den Reformator rückbezogen, wofür Hinweise und Nachfragen Hoerens sorgen. 

Das Buch ist der Versuch beider Gesprächspartner, dem Reformator gerecht zu werden. Mehrfach nach der Bedeutung des 31.10.2017 gefragt, fasst Drewermann seinen Zugang zu Luther prägnant zusammen: Gott ist der Grund des Vertrauens, zu sich selbst zu stehen gegen Staats- und Kirchenmacht

Freiburg: Herder Verlag. 2016
320 Seiten
19,99 Euro
ISBN 978-3-451-37566-8

 

Zurück