Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Eugen Fink: Oase des Glücks. Gedanken zu einer Ontologie des Spiels

Der Herausgeberband „Oase des Glücks“ trägt den Titel eines Textes von Eugen Fink, einem Philosophen und Erziehungswissenschaftler aus der Schule Husserls und Heideggers. Die mit 22 Seiten knappe, aber dichte Schrift von Fink ist den darauf bezugnehmenden 15 Deutungen vorangestellt, die sich den Gedanken zu einer „Ontologie des Spiels“, so der Untertitel, nähern wollen.

Der Haupttitel ist etwas irreführend, denn nur kurz geht Fink darauf ein, wie das Spiel als „Oase des Glücks“ zu verstehen ist. Er scheint damit einen Bezug zum damaligen Zeitgeist der Technikkritik herstellen zu wollen, zum „vom Lärm der Maschinen durchtosten Jahrhundert“, in dem das Spiel eine „‚Oase‘ angekommenen Glücks in der Wüstenei unseres sonstigen Glücksstrebens und tantalischen Suchens“ sei. Nun ist zwar richtig, dass uns das Spiel aus dem Alltag entrückt. „Es bannt, mit anderen Worten, es verzaubert“, wie Johan Huizinga diesen Zustand gefesselter Aufmerksamkeit beschreibt. Fink sagt ähnlich: „Das Spiel entführt uns.“ Also es spendet Freude, aber Glück ist gewiss etwas anderes. Glück wird uns ohne Ernst, ohne Bewährung und gelingendes Leben, auch gegen Widerstände, nicht gegeben. Es entgleitet uns grade dann, wenn wir „tantalisch“ danach suchen. Das galt in einer vom Lärm der Maschinen erfüllten Zeit nicht weniger als in der heutigen, die uns eher mit dem Summen informationstechnischer Systeme umgibt.

Finks Analyse bestimmt im ersten von drei Abschnitten das Spiel zusammen mit Tod, Arbeit, Herrschaft und Liebe als ein existenzielles Grundphänomen. Zwar weist er die Gegenüberstellung von Spiel und Lebensernst ab, sieht aber dann doch, dass Spielen nicht mit aller anderen „Lebensbewegtheit“ zusammenfällt. Diese seien nämlich auf das Endziel der Glückseligkeit hin ausgerichtet, dabei in einer steten Sorge, es zu verfehlen. So sind wir nach Fink „in einem sturzartigen Lebensgefälle befangen, sind wir hingerissen von dem Drang nach Vollendung und Erfüllung unseres fragmentarischen Seins“. Man mag an sich selbst prüfen, ob das dem alltäglichen Gefühl der Lebensbewältigung entspricht. Glück ist kein ferner Endzweck, sondern gibt sich uns mit jedem Lächeln nach helfender Tat oder angesichts eines mühevoll vollbrachten Werks. So aber kann Fink das Spiel als eine „Oase“ abheben, in der das „tantalische“ Glücksstreben zur Ruhe komme, und auf die Sonderrolle des Spiels für die Ontologie hinarbeiten. Darum vor allem geht es ihm nämlich.

Dementsprechend beschränkt sich der zweite Abschnitt zur Strukturanalyse des Spiels auf eine Übersicht über Spielstimmung, Spielgemeinde, Spielregel, Spielzeug und Spielwelt als wesentliche Charakteristika. In der Tiefe hat das bereits Huizinga mit seiner Studie „Homo Ludens“ von 1938 ausgelotet. Fink allerdings sieht darüber hinaus eine „imaginäre Dimension“ in der Spielwelt, in der sich reale Elemente des Spiels und erdachte Figuren, Rollen, Regeln und die vorgestellte Bedeutung eines Spielzeugs, etwa des Stocks als Schwert, der Puppe als Kind, also Wirklichkeit und Schein verbinden. Für Fink liegt im „Seinssinn“ dieser imaginären Dimension ein „dunkles und schweres Problem“.

Diesen „Seinssinn“ aufzuhellen, unternimmt Fink im dritten Abschnitt des Textes. Spielen sei, so schließt er, eine Handlung, die in der Dimension des Scheins, also der bloßen Vorstellung, die er auch immer wieder „magisch“ nennt, den Sinn von Welt und Leben symbolisch vergegenwärtigt. Aber zielstrebig geht er darüber hinaus und fragt nach der Möglichkeit, „vom Spiel aus den Sinn des Seins zu bestimmen“, und endet unter Bezug auf Heraklit und Nietzsche bei der hochspekulativen Annahme, das Spiel könne gleichnishaft als „Weltmetapher“ dienen. Der „Seinsgrund alles Seienden“ sei dann als Spielender zu verstehen und der Mensch als riskierte Spielfigur in diesem Weltspiel. Würde der Mensch diesem „Übermenschlichen“ gerecht, fände er wahrhaft zu sich selbst, wie Fink in Anlehnung an Nietzsche andeutet. Um über die reine Metaphorik hinaus zur Metaphysik zu kommen, wären allerdings viele Fragen zu beantworten. Was etwa ist dieser spielende Seinsgrund, wie hat er das Spiel in Gang gesetzt und wie kommt die Spielregel, die sich nicht selbst erspielen kann, ins Spiel? Schon Schopenhauer hatte die Schwierigkeit zu lösen, wie Ordnung und Gesetz in die Erscheinungen kommen, die sein quasi blind spielender Weltwille hervorbringt. Er behalf sich mit einer Anleihe bei den platonischen Ideen. Wäre das Spiel „Oase des Glücks“, ließe es sich wohl auch schwerlich als Metapher für eine Welt gebrauchen, in der es vielfältige Übel und Böses gibt.

Im Anschluss an den Text von Fink befragen ihn die Beiträger des Bandes aus philosophischer und erziehungswissenschaftlicher Sicht. Philosophisch wichtig scheint mir vor allem Holger Zaborowskis Hinweis zu sein, dass Finks Versuch, den Nihilismus vom „Durchdenken des Menschenspiels“ aus als eine „in ihm verborgene Chance“ zu begreifen, in sich widersprüchlich ist und scheitern muss. Der erziehungswissenschaftliche Ertrag ist entsprechend der spekulativen Zielsetzung des Textes mager und beschränkt sich auf „Anschlusspunkte“, von denen aus dann weitergedacht wird.

Wer sich für philosophisches Denken in der Linie von Martin Heidegger interessiert, findet in diesem Band einen exemplarischen Text mit ausführlicher Kommentierung.

Herausgegeben von Annette Hilt und Holger Zaborowski
Baden-Baden: Karl Alber Verlag. 2024
190 Seiten
44,00 €
ISBN 978-3-495-99686-7

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