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Fedora Wesseler (Hg.): Der Wanderer und sein Koffer. Eine Reise durch das Werk von Thomas Hürlimann
Die Bücher von Thomas Hürlimann sind wie Koffer, die man nicht selbst gepackt hat. Man öffnet sie neugierig, um ihren Inhalt zu entdecken und ihre vielfältigen Reiserouten durch Räume und Zeiten lesend nachzuverfolgen. Und manchmal kann man auch darin verschwinden. Der Sammelband „Der Wanderer und sein Koffer“ enthält bekannte und unbekannte Arbeiten von Hürlimann. Sie wurden so arrangiert, dass sie den einzelnen biografischen Stationen seiner Lebensreise folgen: Kindheit, Elternhaus, Klosterschule, Bruderliebe, usw.
Teilweise sind es Auszüge aus Hürlimanns bekannteren Werken, wie z.B. „Fräulein Stark“, „Der große Kater“, „Vierzig Rosen“, „Das Gartenhaus“, „Der rote Diamant“, „Heimkehr“, aber auch non-fiktionale Texte wie Reden, Zeitungsartikel, Essays oder Nachrufe Hürlimanns auf Mutter, Vater und Bruder. Sie stehen den literarischen Textpassagen jeweils gegenüber und ergänzen den Eindruck, dass Hürlimanns Fiktionen eine Bodenhaftung in seinem eigenen Leben haben. Hürlimanns Internatszeit im Kloster Einsiedeln samt pubertärer Irrungen und Wirkungen spiegelt sich nicht nur in „Fräulein Stark“, sondern auch in „Der rote Diamant“ – der massive Einspruch des geistlichen Onkels von Hürlimann gegen persönliche Indiskretionen, der hier mit aufgenommen wurde, ist sehr erhellend, wirft er doch die Frage nach der Beziehung von Literatur und Leben auf. Es ist eine uralte Frage: Hat der Autor das alles erlebt? Und was ist erfunden? Manchmal macht man doch selbst die Erfahrung, dass eigene Erlebnisse an Kontur und Zuspitzung gewinnen, wenn man sie jemand anderem erzählt. Die Narration wird immer besser, je öfter man sie vorträgt. Die Wiederholung poliert den Stoff, verselbstständigt ihn, indem er eine eigene Ästhetik gewinnt. Natürlich erst recht, wenn es sich um Erlebnisse und Erfahrungen eines so avancierten und sprachmächtigen Schriftstellers wie Hürlimann handelt.
Literatur sollte nicht mit dem Leben verwechselt werden, aber ihre Stoffe und Motive entstammen der Lebensrealität. Fiktional werden sie, indem der Autor sie so kontextuiert, „amalgamiert“ und in neue Spannungsverhältnisse bringt, so dass sie über sich hinausweisen. Thomas Mann hatte für diese Arbeitsweise einmal die Formel geprägt: finden statt er-finden.
Wer Hürlimanns Werk kennt, wird viele Motive und Begebenheiten wiedererkennen. Denn zur Auswahl kamen Textpassagen, die besonders eindringlich sind, weil sie in verschiedenen Werken immer wieder auftauchen. Zu diesen Ausschnitten gehört die Erfahrung eines nächtlichen Verkehrsunfalls, der Hürlimann und auch den Erzähler in „Heimkehr“ fast das Leben gekostet hätte. Er kann sich mit letzter Kraft aus dem Auto befreien. Während der hohe Blutverlust seine Lebenskräfte fast auslöscht, nimmt er in voller Klarheit des Bewusstseins seine Umwelt wahr und merkt, wie dünn das Seil zwischen Leben und Tod ist. Da tritt eine junge Frau ans Fenster, die ihren Säugling stillt. Der Autor/Erzähler kann sie sehen. Weil sie Blut auf der Straße entdeckt, alarmiert sie ihren Mann und so wird in letzter Minute ein Rettungswagen gerufen. Im Nachhinein verbindet er das Bild dieser jungen Frau mit der Gottesmutter Maria. Sie wird zur lebendigen Ikone.
Hürlimann hat eine besondere Beziehung zu Katzen bzw. Katern. Immer wieder schildert er, wie Mensch und Tier koexistieren und doch eine gewisse Distanz wahren. Ein Kater begleitet sowohl den Autor wie auch einige Erzählfiguren auf Spaziergängen, z.B. in der Erzählung „Das Gartenhaus“ oder in „Heimkehr“. Der tägliche Besuch am Grab des Sohnes wird für die Trauernden ein tröstliches Ritual, wenn der Kater dabei ist. So wie Katzen nun einmal veranlagt sind, bleiben sie letztlich unnahbar und geheimnisvoll. Sie sind so souverän wie Hürlimanns realer Vater, der als „großer Kater“ in den gleichnamigen Roman Eingang gefunden hat. Aber sie geben körpersprachliche Winke, wie sie verstanden werden wollen bzw. wie sie den Menschen verstehen. Literarisch gesprochen ist der Kater eine Art Leitmotiv, der durch die jeweilige Handlung führt. Ihm ist ein ganzes Kapitel des Sammelbandes gewidmet.
Der Tod des früh verstorbenen jüngeren Bruders hat in Hürlimanns Werken ebenfalls tiefe Spuren hinterlassen. Beide standen sich sehr nah. Und die Eltern waren aufgrund ihrer herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung – Hürlimanns Vater Hans war Schweizer Bundesrat – in einem schrecklichen Dilemma, wenn sie öffentliche Verpflichtungen wahrnehmen mussten, während ihr Sohn im Sterben lag. Diese Zwangssituation hat Hürlimann in seinem Roman „Der große Kater“ verarbeitet. Der dramatische Showdown besteht darin, dass seine Mutter der spanischen Königin, die im Damenprogramm ausgerechnet dasjenige Krankenhaus besuchen soll, in dem der Sohn mit dem ringt, davon erzählt. Eine tragische Zuspitzung und Überbietung der Realität in der Fiktion eines Romans!
Schließlich spielt auch der Koffer eine wichtige Rolle in Hürlimanns Texten. Als Requisit der Gedächtnisgeschichte der Familie Thomas Hürlimanns mütterlicherseits begleitet er sie über Generationen hinweg Vom jüdischen „Seidenkatz“ aus Galizien, der in ihm seine Schneiderutensilien mit sich führt, zum vornehmen Schweizer Modesalon und zum Musikstudium der Mutter. Und zuletzt transportiert der Klosterschüler Thomas darin seine Habseligkeiten, als er ins Internat einzieht. So schließt die Wanderung in der Gegenwart ab. Der arg ramponierte, gleichwohl eindrucksvolle Koffer ist als Fotografie im Sammelband zu besichtigen.
Wer Thomas Hürlimann bisher noch nicht gelesen hat, für den hält der Sammelband viele „Appetithappen“ parat, die die Leselust auf seine Bücher wecken können. Das letzte Wort zu Literatur und Leben gehört dem Dichter: „Lesen ist Transzendieren. Wenn Sie das Buch öffnen, trägt sie der fliegende Koffer über Städte und Wüsten und Meere hinweg zu einem geheimnisvollen Palast. Wer Sie dort erwartet? Verraten Sie’s niemandem! Es ist Scheherazade, die Schönste der Schönen. Sie liegt im Mondschein auf den Samtkissen und erzählt gerade von einem Kofferpassagier, der aus der blauen Nacht durch das Spitzbogenfenster in ihr Turmgemach herein schwebt.“
Frankfurt: Fischer Verlag.2025
528 Seiten m. s-w Abb.
18,00 €
ISBN 978-3-596-71237-3
