Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Florian Baab: Wie die Dampfmaschine das Fegefeuer löschte. Eine Reise in die katholische Welt von gestern

Was ist eigentlich katholisch? In den vergangenen Jahren hat sich diese Frage zumindest für den deutschsprachigen Katholizismus mit einiger Dringlichkeit gestellt. Blicke in katholische Vergangenheiten scheinen da durchaus angebracht. Auf ein oft vernachlässigtes Sujet blickt Florian Baab in seinem Büchlein. Er fragt darin nach katholischen Mentalitäten zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Vorabend der NS-Diktatur, einer Phase, die im Rückblick als „gute alte Zeit“ verklärt wurde.

Der Autor strebt dabei keine Gesamtdarstellung an, sondern liefert ein schmales und gut lesbares Büchlein, das Einblicke und Anstöße zur weiteren Reflexion zu geben vermag. Als strukturierende theoretische Grundlage dienen die Überlegungen des Soziologen Norbert Elias zur Zivilisation, was auf den ersten Blick überraschend und gewöhnungsbedürftig wirkt, aber in Baabs selektiver und zielgerichteter Lesart seinen Zweck durchaus erfüllt. Freilich: Wer als eiliger oder an Theorie weniger interessierter Leser dem Rat des Autors folgend die drei Theorie-Kapitel (Kap. 3-5) überspringt, wird an mancher Stelle im Rest des Buches etwas ratlos zurückbleiben, weil unter anderem die dort erläuterten Konzepte von Zivilisation und Identität nun häufig erwähnt und vorausgesetzt werden.

Etwas lieblos kommen die beiden Kapitel 5 und 6 zu Milieutheorien und verwendeten Quellen daher. Erstere werden in einem Überblick mehr additiv aneinandergereiht als verglichen, was zu Redundanzen führt; in einem Buch für eine breite Leserschaft wäre die Entwicklung und Erläuterung eines eigenen Milieubegriffs sicherlich lohnender gewesen. Ähnlich geht Baab bei den Quellen vor, auf die er sein Büchlein stützt: Sie bzw. ihre Editionen werden grob vorgestellt, die eigentlich nötige Quellenkritik wird aber nicht durchgeführt. Das methodische Fundament der historischen Darstellung ist also labil – wohl eine Konsequenz aus der Tatsache, dass der Verfasser systematischer Theologe und Philosoph, aber eben kein Historiker ist.

Dass dessen ungeachtet interessante Einblicke ins „Katholisch-Sein“ im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert möglich sind, offenbart die Qualitäten von Baabs Darstellung. Überzeugend legt er dar, wie das katholische Milieu des 19. Jahrhunderts auf einer starken „Wir-Identität“ beruhte, deren Bindung auf gemeinsamen Ritualen und der Bekräftigung gemeinsamer Haltungen ebenso beruhte wie auf Feindbildern und einem gewissen Außendruck (insbesondere durch Säkularisierung, Säkularisationen und Kulturkampf). Eher en passant geht Baab auf die Rolle ultramontanen Denkens für die Uniformierung des Katholizismus ein, wofür sich das Kapitel zum Thema Bildung mit Schwerpunkten in der Theologie der Neuscholastik sowie Katechismen anbietet. Im folgenden Kapitel zu Vereinen hätte sich – neben den obligatorischen Kolpingvereinen – die „Ultramontanisierung“ des Katholizismus anhand der weit verbreiteten Piusvereine vielleicht überzeugender darstellen lassen als anhand der Marianischen Kongregation, doch dürfte die Langlebigkeit der Letzteren den Ausschlag für die Auswahl gegeben haben. Mit der Pfarrerschaft und dem Prozess der Sakralisierung des Priestertums sowie mit dem großen Bereich der Eschatologie (genauer: Predigt über Himmel, Hölle und Fegefeuer bzw. Heiligen und Engel als Verbündeten der Menschen im Diesseits und im Tod) erreicht die Darstellung zugleich schon die Frage nach der Erosion des katholischen Milieus: Pfarrer und ihre Höllenpredigten konnten zur Kuriosität und zum Objekt des Spotts werden, der Katholizismus des uniformen Milieus hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr nur nach außen, sondern auch im Inneren an Akzeptanz verloren. Letzteres demonstriert Baab eindrücklich anhand der ausführlich zitierten Münsteraner „Laienbriefe“ von 1931, die von einer inneren Distanz etlicher Katholiken vom „offiziellen“ Katholizismus der Prediger und des Lehramtes zeugen. Damit dürften sie in einer Linie mit dem seinerzeit viel und heftig diskutierten „Brief über die Kirche“ (1946) von Ida Friederike Görres stehen.

Die deutlich eingeschränkte Quellen- und Literaturauswahl lässt lediglich Schlaglichter auf das Thema zu, doch die können erhellend sein. Freilich: Baabs Interesse gilt letztlich den Einflüssen des katholischen Milieus auf die Gegenwart, wie sein abschließendes Plädoyer für eine Rückbesinnung auf die katholische Pluralität der Vormoderne zeigt. Bedauerlich ist, dass ein recht statisches Bild vom katholischen Milieu entworfen und Säkularität als ernsthafte Option nicht reflektiert wird (auch nicht als Motiv für die Kolpingvereine!). Diese Monita sollten aber niemanden von der Lektüre dieses anregenden und gut lesbaren „Reiseführers“ abhalten, denn (frei nach William Faulkner): Die Vergangenheit ist nicht tot, sie ist noch nicht einmal vergangen.

Freiburg: Herder Verlag. 2024
176 Seiten m. s-w Abb.
22,00 €
ISBN: 978-3-451-39876-6

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