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Frank Griffel: Den Islam denken. Versuch, eine Religion zu verstehen
Ein bekanntes Vorurteil, das immer wieder vor allem in den Medien begegnet, ist die Aussage, dass der Islam weder eine Reformation noch eine Aufklärung durchgestanden hätte wie das Christentum. Daraus folge, dass der Islam immer noch im Mittelalter stecken geblieben sei, was vor allem die Anwendung der Scharia in Saudi-Arabien mit ihren ausgesprochen gewalttätigen Körpersprachen sowie der terroristische Dschihadismus zeigen. Ebenso sei der sogenannte Politische Islam eine folgerichtige Erscheinung im Westen, der sich gegen die emanzipatorischen Potenziale der (Spät-)Moderne richte und dagegen die Herrschaftsform des Kalifats setzte, das weltlich-staatliche und zugleich sakrale Macht beinhaltet. Der Islam, so der durchgängige Tenor, sei ein Modernitätsverlierer, der aber diese pejorative Entwicklung durch Gewalt und Extremismus zu kompensieren versucht.
Der international anerkannte Islam-Experte Frank Griffel greift die oben genannten Thesen auf und analysiert sie von ihrem Ursprung her. Und der liegt für ihn im Jahr 1798 begründet, und zwar in der Besetzung Ägyptens durch französische Truppen, angeführt von Napoleon Bonaparte. Seine These lautet: Wenn man den Islam in seiner gegenwärtigen Form verstehen möchte, muss man sich mit dem Verständnis der Ideengeschichte, wie sie die Kolonialmächte Europas gedeutet haben, und der Ideengeschichte des sogenannten nachklassischen Islams auseinandersetzen. Erstere diagnostizierten eine Verfallsgeschichte des Islams ab dem 12. Jahrhundert, die auf der Auffassung beruht, dass bis zum Ende des 11. Jahrhunderts islamische Philosophen die abendländische Geistesgeschichte durch die Weitergabe der Klassiker der antiken Philosophie bereichert hätten, dann aber im 12. Jahrhundert durch die Werke der europäischen Philosophen und Theologen, die innovativer gewesen seien als ihre islamischen Vorbilder, verdrängt wurden. Die Entwicklung, die im 12. Jahrhundert in Europa beginnt, führte letztendlich zur Aufklärung und zur technischen Überlegenheit der Kolonialmächte. Die gegenwärtige Islamwissenschaft dagegen weist darauf hin, dass es im Islam in der sogenannten nachklassischen Epoche (1100-1800) zu einem Paradigmenwechsel in der Philosophie und Theologie kam, den Thomas Bauer treffend mit dem Begriff „Ambiguitätstoleranz“ beschreibt und der die weitere islamische Ideengeschichte prägte.
Für den Autor sind die kolonialen Deutungsmuster des Islams, die durch die Eroberung Ägyptens und die anschließende Okkupation des Nahen und Mittleren Ostens sowie der nordafrikanischen Gebiete durch europäische Nationen entstanden, bis heute leitend. In Europa wurde in der Aufklärung die Idee des Fortschritts als erkenntnisleitendes Prinzip und die der Leistung als praktische Orientierung sowohl in der Politik als auch in den entstehenden Naturwissenschaften spätestens seit dem Ende des 17. Jahrhunderts wirkmächtig, was zu einer Industrialisierung und Technisierung führte, die zuerst im späten 18. Jahrhundert in Frankreich wie in England und dann im 19. Jahrhundert sukzessive auf dem europäischen Kontinent einsetzte. Dagegen entwickelte sich in den vor allem islamisch geprägten Ländern ein ganz anderes Paradigma der Weltsicht und des Weltzugriffs: Es beruhte darauf, die verschiedenen Positionen und Thesen zu einem Sachverhalt zu sammeln und abzuwägen. Es ging dabei nicht darum, eine Lösung zu finden und die dafür nicht mehr nutzbaren Argumente auszusortieren, sondern sie nebeneinander zu stellen und dadurch Plausibilitäten zu erhalten im Sinne einer Ambiguitätstoleranz. Während das europäische Fortschritts- und Leistungsparadigma die effektivsten und besten Zugriffe auf die bestehende Welt eruierte und sich ihrer bemächtigte, bestand das islamische Paradigma des Ambigen in der Beobachtung und der Anschauung.
Diese sehr unterschiedlichen Paradigmen führten für Frank Griffel zu gänzlich verschiedenen Gesellschaftsformen und Wissenschaftsverständnissen. Im europäischen Kontext wurde letztendlich durch die Aufklärung ein Fortschrittsoptimismus befördert, der in der einsetzenden Moderne im 19. Jahrhundert zu einer ungeheuren Beschleunigung der technischen Entwicklung führte und mit einer permanenten Zeitverknappung korrespondierte. Im islamischen Kontext dagegen spielte dies alles keine Rolle, denn das Austarieren und das Abwägen der verschiedenen Weltsichten und der damit einhergehenden Argumentationsmuster braucht Zeit und ist eher kontemplativer Natur.
Frank Griffel interpretiert die Kolonialisierung und die damit einhergehende Modernisierung der islamischen Gesellschaften durch die europäischen Nationen als Kulturschock und Überwältigung. Als Reaktion auf diese Ereignisse konstatiert er neben der Übernahme und Aneignung europäischer Errungenschaften auch Abwehr in Form des Fundamentalismus, der aber zugleich eine Modernisierungstendenz im Islam ist, weil er auf die Mittel und Ziele, die ihm die Kolonialmächte bereitstellten, zurückgreift. Wie der christliche Fundamentalismus im Hinblick auf die Evolutionslehre ist der islamische eine Frucht der europäischen Überwältigung mit dem Ziel, Staat und Religion in Form des Kalifats zu einen. Der Autor verweist immer wieder darauf, dass dieser religiöse Fundamentalismus weder in der klassischen noch in der nachklassischen Epoche im Islam möglich gewesen wäre.
Das Buch „Den Islam denken“ zeigt auf, wie die koloniale Geschichte Europas und die damit verbundenen Denkmuster den Blick auf den Islam bis heute prägen. Obwohl nur 102 Seiten lang, ist der sehr dicht geschriebene Essay ein Fundus von Ideen, die neugierig machen und von denen man sich wünscht, dass sie Frank Griffel in einem weiteren Buch ausführlicher entfaltet. Dieses Buch ist allen zu empfehlen, die sich ernsthaft mit den gegenwärtigen Narrativen über den Islam auseinandersetzen möchten und gerne die Anregungen des Autors aufnehmen, tiefer und genauer hinzusehen.
Was bedeutet das alles?
Stuttgart: Reclam Verlag, 3. Aufl. 2020
102 Seiten
6,00 €
ISBN 978-3-15-019548-2
