Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Franz Kamphaus: Tastender Glaube

Inspirationen zum Matthäus-Jahr
 
„Tastender Glaube“ reiht sich ein in die lange Riege der Predigthandbücher. Es ist trotz seiner 192 Seiten ein sehr kompaktes Buch. Jedem Sonn- und Feiertag sind rund zwei Seiten gewidmet, die selbst nochmals untergliedert sind. Das macht das Buch sehr leserfreundlich, da alles häppchenweise serviert wird. Die Impulse sind als Predigten geschrieben – sprechen den Lesenden also als Hörenden an. Das passt zu den biblischen Texten.
 
Das Matthäusjahr kommt bekanntlich immer wieder, daher tut es dem Buch keinen Abbruch, dass schon einige besprochene Sonntage vergangen sind. Die Inspirationen lassen sich auch gut als geistlicher Kommentar zum Evangelium lesen, unabhängig von Lesejahr und Leseordnung.
 
Das Buch besticht durch klare Sprache und anschauliche Beispiele. Kamphaus greift bspw. immer wieder aktuelle politische Themen und Diskussionen auf: So sieht er in der Flüchtlingsfrage eine Christusfrage und setzt sich mit dem Gottesverständnis des Islams auseinander; er analysiert die Fundamente unseres Lebens und ruft dazu auf, unbequem zu sein und die Botschaft Christi auch gegen Widerstände zu verkünden – und vor allem zu leben. All die großen Themen packt er in wenige Sätze, die doch meist einen guten Punkt treffen. Durch den Bezug zum aktuellen Tagesgeschehen übersetzt der Autor die biblischen Texte ins Heute und zeigt ihre bleibende Relevanz.
 
In der Osterzeit folgt das Buch den Texten des Johannesevangeliums und so auch am 2. Sonntag der Osterzeit, wenn das Evangelium vom „ungläubigen Thomas“ gelesen wird, das zum Titel des Buches inspiriert hat. Den Zweifel sieht Kamphaus als geboten auf dem Weg zu einem erwachsenen Glauben und die Wunden Jesu als Wegweiser zum Glauben. Dieser Ansatz nimmt die heutigen Leserinnen und Leser mit ihren Fragen und Zweifeln gegenüber Gott und Kirche ernst.
 
Wer Kamphaus schätzt, wird dieses Buch sehr mögen, da sein Ton und seine Meinung, sein Temperament durchkommen. Es sind gute Impulse dabei, die besonders durch die aktuellen politischen Bezüge bestechen. Doch merkt man dem Autor seine Zeit an; manche Aussagen gegenüber dem Judentum bzw. dem Gesetz sind heute überholt. Er verweist bspw. auf das „Auge um Auge“ aus dem Alten Testament, als sei es Pflicht, für ein Auge ein Auge zu nehmen – und nicht die Maximalforderung, mit der eine Gewaltspirale eben gerade unterbrochen wird. Es darf eben maximal gefordert werden, was genommen wurde, und nicht mehr. Jesu Neuerung in der Bergpredigt ist lediglich, dass man von diesem Recht keinen Gebrauch machen, sondern proaktiv bleiben solle – da treffen sich die Auslegungen wieder.
 
Insgesamt ein gut lesbares und lesenswertes Buch zur persönlichen Erbauung. Manche Passagen können dabei auch als Türöffner oder Zugänge zu verschiedenen biblischen Themen im Unterricht dienen. Jugendliche in der Oberstufe, die sich mit Matthäus befassen, könnten das Buch als Einstieg nutzen, um die Relevanz des Evangeliums für heute etwas griffiger zu bekommen, da die Beispiele aktuell und lebensnah sind.

Ostfildern: Patmos Verlag. 2016
192 Seiten
17,99 €
ISBN 978-3-8436-0782-7

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