
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Georg Röwekamp: Christen in der Region Gaza. Eine vergessene Geschichte
Gaza hat eine lange und bewegte christliche Geschichte, darauf macht Georg Röwekamp in seiner kurzweiligen und informativen Monographie „Christen in der Region Gaza: Eine vergessene Geschichte“ eindrücklich aufmerksam. Er hat eine allgemein verständliche und dennoch ausgesprochen akademische Einführung im rechten Augenblick vorgelegt, die über die vielen historischen, kunstgeschichtlichen, religionswissenschaftlichen und theologischen Details hinaus eine Hilfe zum Verständnis des Gaza-Konflikts und des Krieges gibt.
Die dazu erforderliche Expertise bringt der Autor reichlich mit: Er war Geschäftsführer und theologischer Leiter der Biblische Reisen GmbH, Repräsentant des Deutschen Vereins vom Heiligen Lande (DVHL) in Jerusalem und Leiter des Pilgerhauses des DVHL in Tabgha am See Genezareth. Deshalb verwundert es nicht, dass der Stil des Buches an einen gediegenen Reiseführer erinnert, was der Lesbarkeit und Verständlichkeit einen großen Dienst erweist. Und die reiche Erfahrung Röwekamps mit Menschen auf Pilger- und Bildungsfahrt hat sicherlich dazu beigetragen, dass der Autor genau weiß, was das Publikum interessiert und welche Fragen beantwortet werden sollten – und auch in welcher Weise. Daher gibt er zum einen mit dem ausgewählten Bild- und Kartenmaterial einen guten Eindruck von den besprochenen Inhalten. Zum anderen gibt er durch die teilweise ausführlichen Zitate den historischen Personen eine authentische Stimme und erinnert daran, dass das Erzählen von Geschichte mehr ist als nur Geschichtenerzählen.
Beim Aufbau der Monographie hat sich Röwekamp zu einer chronologischen und geradlinigen Darstellung entschieden, die er mit der kanaanitischen Geschichte der Stadt, d. h. im 14. Jahrhundert v. Chr., beginnen lässt, wobei er auf die einschlägigen biblischen Passagen eingeht, insbesondere die Samson-Erzählung. Sie bildet gewissermaßen den roten Faden des Buches, da der Autor sie in allen dargestellten Epochen zur Reflexion anbietet und dazu auf die unterschiedlichen Interpretationen eingeht.
Der Schwerpunkt des Buches liegt auf der neueren Geschichte, in der Röwekamp die zwei heute verbleibenden christlichen Gemeinden in Gaza mit ihrer Geschichte und den Akteurinnen und Akteuren herausstellt: die griechisch-orthodoxe Porphyrius Gemeinde und die katholische Kirche der Heiligen Familie mit den ihr verbundenen Einrichtungen. Das ist nicht nur für „Insider“ ausgesprochen interessant und hilfreich, sondern für alle, die sich für die Christinnen und Christen in Gaza interessieren und sich fragen, wie diese leben und mit der Regionalkirche und weltkirchlich verbunden sind.
Röwekamps Darstellung der christlichen Geschichte Gazas ist ausgesprochen lesenswert. Sie vermittelt ein Verständnis für die Besonderheit, Komplexität und Schönheit des Christentums in Gaza neben aller Aggression, Gewalt und Leiden in dieser Region. Dazu trägt schließlich sowohl die Einbettung in den regionalen und internationalen historischen Kontext der jeweiligen Zeit bei als auch die verschieden religiösen Entwicklungen. Auf diese Weise arbeitet der Autor eine für viele vermutlich unbekannte oder nicht bewusst gemachte interreligiöse Dimension von Gaza heraus, aus der er die grundsätzlich anthropologische Schlussfolgerung zieht, dass Gewalt keine gute und nachhaltige Lösung ist, weil sie Gegengewalt, Zerstörung und Leid hervorbringt. In diesem Sinne ist das Buch auch eine „case study“ zu Gewalt und Menschlichkeit, in der die christliche Geschichte Gazas der untersuchte Fall ist. Ihr Fazit besteht darin, in der aktuellen Konfliktlage den friedlichen Einsatz der Christinnen und Christen für ihren Glauben auf den Punkt zu bringen und ihren Beitrag zur Verständigung aller und für Frieden zu würdigen.
Freiburg: Herder Verlag. 2025
164 Seiten m. farb. Abb.
20,00 €
ISBN 978-3-451-39937-4
