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Gerhard Lohfink: Im Ringen um die Vernunft
Der vorliegende Sammelband enthält Beiträge, die allesamt von einer Überzeugung getragen sind, die prägend für die Theologie von Papst Benedikt XVI. geworden ist: dass nämlich die wechselseitige Herausforderung von Glaube und Vernunft beide Instanzen vor ihren Pathologien bewahren kann. So bleibt der Verfasser nicht bei der Feststellung stehen, dass gerade in den Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine entwurzelte Vernunft denjenigen Umschlag von Aufklärung in Gewalt und Mord vollzieht, der schon während der Französischen Revolution sich im Tugendterror Robespierres angebahnt hat. Er sieht genauso deutlich, dass erst die genannte Freilassung der Vernunft dem Glauben dazu verholfen hat, den Reichtum seines biblischen Ursprungs zu erfassen.
Dies führt zu einer Entdeckung, der eine erste Gruppe von Beiträgen gilt: Es gibt nicht nur ein spezifisches Aufklärungspotential der biblischen Tradition, sondern dieses Aufklärungspotential wirft seinerseits nun ein kritisches Licht auf die neuzeitliche Gestalt einer Vernunft, die in ihrem vermeintlichen Autonomieanspruch nicht mehr dem Glauben, sondern einem irrationalen Willen zur Macht die Schleppe nachträgt. Wenn demgegenüber dann der priesterschriftliche Schöpfungstext den unsichtbaren Gott radikal von seiner Schöpfung unterscheidet, dann bedeutet dies eine Entmächtigung jeder weltlichen Instanz, die ihrerseits sich zum Höchsten erklärt und die übrige Welt sich unterwerfen will.
Dieses Bewusstsein der Trennung von Schöpfer und Schöpfung ist nun gepaart mit der weiteren biblischen Überzeugung, dass der eine Gott der Welt nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern ihrer Entwicklung in einer Haltung der Liebe und Treue zugewandt bleibt. Dass dabei der Mensch als Mensch – nicht als Mann oder Frau oder als Angehöriger einer bestimmten Nation – Geschöpf Gottes und gleichzeitig Abbild seines Schöpfers ist, verleiht ihm eine unveräußerliche Würde, die deren neuzeitliche Entdeckung schon vorwegnimmt.
Aus der Wahrnehmung dieser Liebe und Treue Gottes folgt nun eine zweite Textgruppe. Denn es liegt in der Natur der Liebe, dass sie nichts erzwingt, wohl aber ihr Gegenüber gewaltfrei begleitet und umwirbt. Daraus ergeben sich zunächst Konsequenzen für die Beantwortung der Frage, wie Gott in seiner Allmacht und Liebe das Böse zulassen kann. Vor allem gewinnt der Verfasser damit die Möglichkeit, begrifflich zwei Formen der Geschichte zu konstruieren, die sich zwar unterscheiden lassen, in der Wirklichkeit aber einander wechselseitig durchdringen. Die eine sieht er bestimmt durch die Macht der Erbsünde – und damit einer Wirklichkeit, deren Behauptung im allgemeinen Glaubensbewusstsein eine bestenfalls rudimentäre Rolle spielt. Als Ursünde begreift er in Anlehnung an K. Rahner und R. Spaemann denjenigen Schritt in der Evolution, mit der die menschliche Freiheit – einmal erwacht – die ihr gegebenen Möglichkeiten nicht ergreift und in die Natürlichkeit eines Verhaltens zurückfällt, welches ihr Gegenüber zunächst als Bedrohung wahrnimmt und der eigenen Willkür unterwerfen will. Die Erbsünde ist dann wirksam in einer Geschichte, in der die „Altlasten menschlicher Schuld“, in die ich zunächst einmal schuldlos hineingeboren werde, zur Quelle neuer Entfremdung werden. Weil die Liebe Gottes den Menschen jedoch nicht aufgibt, ist die Geschichte menschlicher Verfehlung durchwachsen von einer Gegengeschichte, die von der immer neuen gnadenhaften Zuwendung Gottes getragen ist und die sich dieser Schuldgeschichte in stets neuen Anläufen entwindet. Dies ist zunächst die Geschichte Israels, die der Verfasser ganz auf Maria, die Mutter Jesu, hin liest. Die Inkarnation des göttlichen Logos in dem Juden Jesus von Nazareth ist somit kein unvermittelter vertikaler Einbruch in die Welt, sondern diesem Logos wird damit „von unten“ her die Möglichkeit seiner eigenen Ankunft geschaffen.
Eine dritte Gruppe von Texten macht von hier aus das Wesen der Kirche deutlich. Hat der Verfasser die Macht der Sünde im menschlichen Rückfall in die eigene Natürlichkeit erkannt und diese Natürlichkeit u.a. als die gentilistische Dominanz von Clanstrukturen bestimmt, erblickt er das Wesen der Kirche in einer neuen Gestalt der Familienbildung, in der auch die Fremden zu meinen Geschwistern werden und wir füreinander aufkommen. Hier wird natürlich auch deutlich, was dem Verfasser seine jahrzehntelange Beheimatung in der Integrierten Gemeinde bedeutet. Man mag gegen diese Textgruppe einwenden, dass sie zu einseitig das wahre Wesen der Kirche herausstellt und zu wenig deren historische Realisationsgestalt wahrnimmt, in der sie sich stets von Neuem der Macht der Sünde entwinden muss. Denn die Evangelien bezeugen, wie sehr schon die Jünger in ihrer Jesusnachfolge von den sündhaften Mechanismen der Rivalität und der Ausgrenzung bestimmt sind. Doch in einer Zeit, wo die Öffentlichkeit beim Thema Kirche oft nur Inquisition, Hexenverbrennung, Galilei und neuerdings auch sexuellen Missbrauch assoziiert, darf diese Einseitigkeit als legitim und ihrerseits noch einmal als ein Akt der Aufklärung gelten.
Freiburg: Verlag Herder. 2016
560 Seiten
29,99 €
ISBN 978-3-451-31239-7
