Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Gertraud Kremsner / Michelle Proyer: Inklusive Pädagogik in der Schule

In diesem Werk geben Gertraud Kremser, Professorin für Pädagogische Professionalität an der Universität Koblenz, und Michelle Proyer, Professorin für inklusive Pädagogik vom Department of Education and Social Work an der University of Luxembourg, einen Überblick zur inklusiven Beschulung der letzten 15 Jahre und setzen sich mit Anspruch und Wirklichkeit in unserem mehrgliedrigen Bildungssystem im deutschsprachigen Raum auseinander. Dabei wird zunächst der Inklusionsbegriff aus soziologischer Sicht abgeleitet. Die Autorinnen sprechen sich in ihren Ausführungen für die Verwendung eines Inklusionsbegriffs in einem erweiterten Sinne (siehe 9) aus.

Im ersten Kapitel wird in einem historischen Rückblick eine hilfreiche Einordnung zu dem begrifflichen Entstehungsprozess einer inklusiven Pädagogik gegeben. Dabei wird ausgehend von der Exklusion der schulische Entwicklungsprozess bis zur Inklusion knapp und prägnant dargelegt. Die Ausführungen münden in der nachvollziehbaren Aussage: „Inklusive Pädagogik geht einher mit einer Haltung(-sveränderung) sowohl von Gesellschaften und ihren Systemen als auch den darin handelnden Akteur*innen.“ (22). Im zweiten Kapitel werden zentrale Grundbegriffe im Kontext des inklusiven, pädagogischen Handelns erläutert, fachwissenschaftlich definitorisch dargelegt und ausgeführt, was dies für das unterrichtliche und schulische Handeln bedeuten kann.

In einem dritten Kapitel wird die inklusive Beschulung in einem erweiterten Verständnis aus sozialer Sicht anhand verschiedener Heterogenitätsdimensionen beleuchtet (vgl. 38). Der Rückgriff auf das Basiswerk von Annedore Prengel zur „Pädagogik der Vielfalt“ aus dem Jahr 1993 erscheint hier schlüssig. Erfreulicherweise werden in den Ausführungen u.a. auch die Konstruktionen von Geschlecht/Gender sowie Migration/Flucht bezogen auf die schulische Relevanz mit angeführt.

Im folgenden vierten Kapitel steht eine Bestandsaufnahme separierender Schulsysteme vor allem im Sekundarstufenbereich I und II im Vordergrund. Die Leistungsheterogenität von Lernenden und die damit verbundene Auslesefunktion von Schule soll überwunden und zunehmend stärker als ein durchlässiges Bildungssystem begriffen und genutzt werden. Dabei wird auf den „Index für Inklusion“ nach Tony Booth und Mel Ainscow verwiesen. Auf die besondere Tragweite der Situation im Sekundarstufenbereich wird eingegangen und mündet in der Aussage: „Ansätze aus dem Bereich der inklusiven Didaktik scheinen mit einem bestimmten Niveau nicht mehr umsetzbar“ (90) zu sein, und endet mit dem Postulat, dass sich daran nur bei einem entsprechenden Willen der Politik und der Bereitschaft der Handelnden etwas ändern ließe (vgl. 91). An dieser Stelle wären konkretere Hinweise auf mögliche Realisierungsideen wünschenswert gewesen.

Im fünften Kapitel werden die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den bestehenden Schulsystemen für die inklusive Beschulung näher beleuchtet. Die veränderte Ausrichtung von einer reinen Förderdiagnostik hin zu einer inklusionsorientierten Diagnostik wird dabei postuliert, was auch zu einem veränderten Diagnoseverständnis führen sollte. „Diagnosen dürfen dann keineswegs für sich alleine stehen, sondern sind ausschließlich in Zusammenhang mit daraus abgeleiteten Förderplänen oder individualisierten Entwicklungs- oder Lernplänen zu denken“ (101) und müssen sich entsprechend auf die Gestaltung von Schul-, Lern- und Kommunikationsräumen auswirken.

Im abschließenden, sechsten Kapitel wird der Fokus auf den Unterricht gelegt und es werden anhand von Beispielen Möglichkeiten des inklusiven Unterrichtens skizziert. Dazu leiten die Autorinnen in einer nachvollziehbaren Weise Entwicklungslinien einer inklusiven Didaktik ab, die sich u.a. an Aussagen von Georg Feuser und Kerstin Reich orientieren. Die weiteren Ausführungen legen Grundprinzipien für eine inklusive Didaktik dar, welche einen Orientierungsrahmen für eine inklusive Schulentwicklung bieten können. Die Ausführungen bleiben jedoch auf der Ebene von „Umsetzungsprinzipien“ stehen und hätten noch konkreter – und wie im Untertitel aufgeführt – an umfänglicheren exemplarischen Beispielen für den Unterricht ausgeführt werden können. So verbleiben die Ausführungen auf einer eher fachwissenschaftlichen Ebene.

Auch wenn die Autorinnen mit Recht auf häufig fehlende Ressourcen, eine steigende Diversität der Lernenden und auf Mängel in der Lehrkräfteausbildung hinweisen, hätte neben den benannten Dilemmata die Bedeutung, die Wirksamkeit der Haltung und die Initiative von Lehrkräften in der inklusiven Schulentwicklung in ihren Wirkungsdimensionen noch etwas stärker betont werden können. Etwas mehr Mut und Anregung sowie weitere Impulse für eine zielführende Umsetzung wären wünschenswert gewesen. Dennoch bietet das Werk eine solide Bestandsaufnahme des Prozesses und zeigt Beispiele für Gelingensbedingungen einer inklusiven Pädagogik auf. Das umfängliche Literaturverzeichnis spiegelt den aktuellen fachwissenschaftlichen Stand wider.

Eine praxisorientierte Einführung
Bildung und Unterricht
Stuttgart: Reclam Verlag. 2024
136 Seiten
8,00 €
ISBN 978-3-15-014297-4

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