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Gregor Maria Hoff: Widersprüchliche Hinterlassenschaft. Das Zweite Vatikanische Konzil und seine ungelösten Probleme
Ist das Zweite Vatikanische Konzil an allem schuld? Das mag man sich bei der Lektüre des vorliegenden Buches und mit Blick auf die Spannungen im gegenwärtigen Katholizismus bisweilen fragen. Etwas differenzierter, aber doch ähnlich gelagert ist die Ausgangsthese von Gregor Maria Hoff, Professor für Fundamentaltheologie in Salzburg: Bereits im Konzil wurden Meinungsverschiedenheiten zwischen seinen „Parteien“ und Spannungen zwischen seinen Konstitutionen, Dekreten und Erklärungen sichtbar, die sich in den Jahrzehnten danach bemerkbar machten und bis in die Gegenwart auswirken.
Hoff geht dieser These in 17 knappen Kapiteln nach, die jeweils von einem eigenen Problem ausgehen und dabei ein breites Spektrum an Themen und Konzilsdokumenten abschreiten. Unter anderem geht es um die Entwicklung des Konzils und der nachkonziliaren Kirche, aber auch um die Menschenwürde, die Ökumene, die Selbstsakralisierung der kirchlichen Autorität, das Verhältnis zum Judentum und den Umgang mit der Öffentlichkeit. In jedem Themenfeld benennt Hoff sehr zutreffend und scharf analysierend die Widersprüche, die sich in den Konzilstexten ebenso finden wie bei den Interpretatoren des Konzils und in der gegenwärtigen Kirche. Große, immer wiederkehrende Themenkomplexe betreffen die Definition und Entwicklung von Tradition, den Umgang mit der Geschichtlichkeit von Kirche und Theologie, die Strukturierung kirchlicher Lehrautorität zwischen Papsttum, Bischofsamt und sensus fidelium, sowie die Nähe oder Distanz zur „Moderne“ und den hier eingeforderten Freiheitsrechten. Völlig neue Erkenntnisse bringt das Buch damit kaum, es bietet aber eine gute Zusammenschau der Widersprüche und Probleme. Hoff agiert dabei als Analytiker, der Problemlagen seziert und Desiderate benennt, er entwirft keine Lösungen.
Die Kürze der Kapitel und die Vielzahl der behandelten Themen zeitigt allerdings zwei Folgen: Erstens ist der Autor zu knapper Argumentation und voraussetzungsreichem Schreiben gezwungen, so dass solide Vorkenntnisse in der Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils und der kirchlichen Zeitgeschichte erforderlich sind, will man die Inhalte vollständig erfassen. Zweitens wirkt der Text gerade deswegen bisweilen etwas atemlos, weil sich der Autor nicht den Raum für ausführlichere Herleitungen und Begründungen nimmt. Eine Reihe von systematischen Absätzen dürften ohne Theologiestudium kaum gewinnbringend lesbar sein. Eine ruhigere Anlage des Buches hätte z.B. von den größeren Themenkomplexen „Tradition und Geschichtlichkeit“, „Lehrautorität und Ekklesiologie“ sowie „Freiheit in der Moderne“ ausgehen können, wäre dann aber wohl weniger gut verkäuflich.
Dass Hoff sich nicht auf das Gespräch mit der kirchlichen Zeitgeschichte einlässt, ist zu bedauern. Denn dies hätte helfen können, die gesellschaftlichen Kontexte und gedanklichen Hintergründe der Argumentationen auf dem Konzil präziser zu erfassen. So fällt unter den Tisch, dass sich manche innerkatholische Spannung bereits in den Nachkriegsjahren nachweisen lässt, nicht zuletzt hinsichtlich der Vorstellungen vom Priester; wo es um den Zusammenhang von Sakramentalisierung und Missbrauch geht, wäre eine solche Einordnung ebenfalls hilfreich gewesen. Eine historische Perspektivierung ließe aber auch die Sakralisierung des Konzils besser verstehen, die nicht zuletzt in der seit dem frühen Mittelalter weiterentwickelten Liturgie des Konzils gründet.
Sachlich ist zu vermerken, dass vor allem in Kap. 8 nicht klar zwischen der Unfehlbarkeit des päpstlichen Lehramts und dem Jurisdiktionsprimat unterschieden wird, sowie dass die Aussage der Nota explicativa praevia, der Papst könne seine Vollmacht jederzeit frei ausüben, sich auch in LG 22 findet; damit erübrigt sich die Konstruktion eines übermäßigen Gegensatzes zwischen dem Text der Kirchenkonstitution und der Nota (95f.). Etwas schade ist, dass in den Anmerkungen fast ausschließlich auf deutschsprachige Literatur verwiesen wird, so dass u.a. wichtige Beiträge aus dem französisch- und englischsprachigen Bereich fehlen (z.B. von Joseph Famerée, Peter de Mey oder Massimo Faggioli).
Diese Monita sollen freilich vor allem zeigen, dass Hoffs Buch die kritische Lektüre braucht und wirklich verdient. Seine Problematisierung des Erbes des Zweiten Vatikanums ist lesens- und bedenkenswert – gerade für die Widmungsträger: „alle auf dem Synodalen Weg“. Wer die nötigen Grundlagen mitbringt, sollte sich zum Lesen einladen und zum Weiterdenken anregen lassen.
Freiburg: Herder Verlag. 2025
216 Seiten
28,00 €
ISBN 978-3-451-02665-2
