Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Gunter Geiger / Marco Bonacker (Hg.): Zwischen Verantwortung und Kontroversität

Dem in diesem Jahr begangenen siebzigjährigen Bestehen der Katholischen Akademie Fulda ging ein zweijähriger interner Prozess voraus, in dem die Akademie Leitlinien für Ihre zukünftigen Ziele und Arbeitsweisen entwickelte und sie in einem „Mission Statement“ niederlegte. Der vorliegende Band versammelt sechzehn Beiträge aus Pädagogik, Philosophie und Soziologie, von Akademiemitarbeitern, Kooperationspartnern und aus dem Feld des interreligiösen Dialogs, um aus den jeweiligen Disziplinen und Arbeitsfeldern die Herausforderungen zu benennen, denen sich eine zukünftige Akademiearbeit vor dem Hintergrund ihrer Gründungsgeschichte zu stellen haben wird, um deren Konsequenzen für Struktur, Arbeitsweise und Themenfindung innerhalb einer katholischen Akademie zu erheben. In jedem der Beiträge sind einige wenige Sätze gerahmt hervorgehoben, die seine Kernthesen auf den Punkt bringen.

Die Wurzeln der Katholischen Akademien liegen in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie definierten als ihre Aufgaben, Demokratie zu stärken, Menschen inneren Halt zu schenken, die christliche Soziallehre gesellschaftsprägend aufzustellen und, im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils, von der Welt zu lernen und Gesellschaft aus christlichem Glauben zu gestalten. Dreh- und Angelpunkt ist die biblische Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Sie macht den Menschen zu einem Selbstzweck und verbietet, ihn als Mittel für andere Zwecke zu missbrauchen. Bildung, die all dem dient, führt, nach dem Dreischritt Sehen – Urteilen – Handeln unmittelbar ins politische, gewerkschaftliche, gesellschaftliche, kirchliche Engagement für eine menschenwürdige und menschenfreundliche Welt.

Die Autoren sehen in den gegenwärtigen Fragestellungen auch die Herausforderungen der Zukunft: Diversität, Klimawandel, Gefährdung der Demokratie, nachhaltiges Wirtschaften und Leben. Bildung, die ins Handeln führt, setzt Partizipation der sich Bildenden auf allen Ebenen das Bildungsprozesses voraus, bei Themenfindung, Arbeitsweise und Evaluation derselben. Akademien werden dabei entworfen als Orte freier und befreiender Begegnung, bar jeder Verzweckung und Manipulation, an denen Menschen sich ihrer Würde bewusst werden, so sein dürfen, wie sie sind, und lernen, sich mit den dargebotenen Inhalten so auseinanderzusetzen, dass sie frei sich ihre Meinung bilden können und sich konkret in demokratische Prozesse einzuüben vermögen. Kirche als integraler Teil der Gesellschaft leistet dieser u.a. durch ihre Akademien jenen Dienst – aus demokratischem Geist, auf dem Fundament christlichen Menschenbildes und christlicher Werte –, sich selbst in ihren Identitäten und in ihren Handlungspotentialen zu entdecken und Bildung als ein ganzheitliches Geschehen zu erleben.

Was Akademien im Idealfall der Gesellschaft schenken, wäre umgekehrt die Zukunftsvision gelebten Glaubens in der Kirche: Religion als Mäeutik des zu sich selbst kommenden und sich seiner selbst bewusst werdenden Menschen. Eine demokratische Gesellschaft demokratisiert auch die Kirche. Bedingung der Möglichkeit von Demokratie ist inkommensurable Vielfalt. Spannungsreiche und konfliktgeladene Diversität kann gelebt werden, wenn jeder sich der mit seiner Freiheit unmittelbar gegebenen Verantwortung bewusst wird und verantwortungsvoll handelt.

Bezeichnenderweise fehlt diesem Band ein Beitrag, ob und wie Erträge katholischer Akademiearbeit in Entscheidungsprozesse von Bistümern angefragt werden und einfließen, ob und wie sie eine innerkirchliche Kultur des Umgangs miteinander prägt. Es liegt in der Natur eines solchen Werkes, dass etliche Beiträge Postulate aufstellen, mit Sollens- und Müssensforderungen operieren. Hintereinander gelesen tritt eine gewisse Ermüdungserscheinung ein, da jeder Artikel für sich gewürdigt werden können muss, so dass die Historie der Akademien ein ums andere Mal referiert wird. Hier kann man sich als Leser der herausgehobenen satzhaften Thesen bedienen und schnell jene Artikel herausfischen, die einem interessant erscheinen. Die Beiträge wecken ein Verständnis für die Komplexität von Bildungsprozessen und die hohen Ansprüche, denen alle an ihr Beteiligten unterliegen. Eine offene Frage bleibt, ob und was Katholische Akademien kirchlichen Gemeinden, Seelsorgern, Bistumsleitungen bedeuten, ob die Kultur die hier gelebt wird/werden soll auch ins Kirchliche ausstrahlt, ob kirchlich Verantwortliche sich der Erfahrungen und des Wissens ihrer Akademien erinnern und es für ihre Entscheidungsprozesse abfragen.

Zukunftsperspektiven katholischer Akademiearbeit
Opladen / Berlin / Toronto: Verlag Barbara Budrich. 2024
218 Seiten
29,90 €
ISBN: 978-3-8474-3002-5

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