Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Gute Nachricht. Geschichten von Jesus für Kinder fair erzählt

Jesus war Jude. Darüber besteht Einigkeit. Doch was bedeutet das für Christinnen und Christen? Für das christliche Selbstverständnis – und vor allem für das Verständnis der Geschichten, die über Jesus erzählt werden?

Wer in Schule und Gemeinde mit Kindern und Jugendlichen neutestamentliche Texte liest und bespricht, steht rasch vor der Herausforderung, diese angemessen zu kontextualisieren. Das gilt insbesondere deshalb, weil sich – bis in die jüngste Vergangenheit – in Büchern und Predigten hartnäckig bestimmte Dichotomien halten: Dem vermeintlich zornigen Gott des sogenannten Alten Testaments wird der liebende Gott des Neuen Testaments gegenübergestellt. „Alt“ und „Neu“ fungieren dabei als Kategorien, die eine Ablösung suggerieren. Hinzu kommen Darstellungen des Judentums, die häufig mit der Shoa enden, und vieles mehr. All dies reproduziert immer wieder Bilder, die weder dem Juden Jesus noch dem heutigen Judentum gerecht werden.

Das vorliegende Buch – für Kinder ab sechs Jahren geschrieben, aber ebenso ein Gewinn für Erwachsene – möchte hier bewusst gegensteuern. Es erzählt die Geschichten über Jesus so neu, dass sie keine Anknüpfungspunkte für antisemitische Weltbilder bieten. Darauf weist auch das Vorwort von Christian Staffa, dem EKD-Beauftragten für den Kampf gegen Antisemitismus, hin. Er betont, das Buch übernehme ausdrücklich Verantwortung dafür, „die christliche Botschaft nicht mit antijüdischen Anklängen und anderen Formen der Diskriminierung zu verbinden“.

Entstanden ist das Buch im jüdisch-christlichen Dialog, in einem – wie es im Nachwort heißt – „offenen, uns Freiheit lassenden Beratungsangebot“. Das Ergebnis sind gut lesbare Jesusgeschichten, die konsequent die Vielstimmigkeit betonen und immer wieder Rückbezüge zum jüdischen Glaubensleben, zur mosaischen Tradition sowie zum Alten Testament herstellen. Dies zeigt sich etwa in Formulierungen wie: „Wie stets an jüdischen Festtagen spricht Jesus den Segen über den Wein und das Brot.“ (58)

Jesus wird dabei sehr menschlich dargestellt: als anstrengender Zeitgenosse und als junger Mann, den tiefgründige Fragen umtreiben. Diese Darstellung macht ihn nahbar und schafft Identifikationsmöglichkeiten, insbesondere für Kinder und Jugendliche. So wird die Erzählung von der Heilung eines Gelähmten als eine Art psychotherapeutischer Prozess verstanden, in dem die Begegnung mit Jesus dazu anstößt, einen neuen Umgang mit der eigenen Schuld zu finden. Das macht die Heilungsgeschichte „verdaulicher“, ohne dabei die Frage der Vergebungsvollmacht Jesu wegzulassen. Denn die Geschichte endet mit der offenen Frage: „Wer ist Jesus denn?“

Was aber macht die in diesem Buch erzählten Geschichten „fair“? Ein besonderes Beispiel ist die Nacherzählung der Geschichte vom barmherzigen Samariter. Hier wird bewusst auf die Nennung von Volkszugehörigkeiten verzichtet. Dadurch wird die Geschichte für Kinder leichter verständlich und vermeidet zugleich unbeabsichtigte antisemitische Zuschreibungen. Die Pharisäer werden nicht als Gegenspieler Jesu dargestellt, sondern als Gesprächspartner in einem kritischen Diskurs. Wie an anderer Stelle betont wird, war dies im vielstimmigen Judentum damals wie heute ein ganz normaler Zustand: „Jesus und die Pharisäer setzen sich für das Gute in Israel ein. Sie sind sich oft einig, aber eben nicht immer.“ (45)

Die Autorinnen verstehen „fair“ im Sinne des hebräischen Begriffs Zedaka universal und damit auch intersektional, wie im Nachwort ausgeführt wird. So ist es selbstverständlich, dass ausdrücklich Frauen als Weggefährtinnen und Mitstreiterinnen Jesu genannt werden (23).

Da das Buch für Kinder geschrieben ist, verfügt es über eine umfangreiche und ansprechende Illustration. Deren symbolische Bedeutung wird im Anhang erläutert, was insbesondere für den Einsatz in Schule und Gemeindearbeit sehr hilfreich ist.

Ein wenig irritierend wirkt jedoch die konsequente Schreibweise „G*tt“, die der jüdischen Tradition entstammt, den Gottesnamen nicht auszuschreiben oder auszusprechen, und die, wie im Nachwort zu lesen ist, aus Respekt verwendet wird. Da sich das Buch jedoch an ein christliches Publikum richtet, erscheint die Übernahme dieser Praxis etwas holprig, auch wenn die dahinterstehende Intention nachvollziehbar ist.

Insgesamt haben die Autorinnen ein Buch geschaffen, das meiner Meinung nach in keinem Bücherregal von Lehrkräften oder pastoralen Mitarbeitenden fehlen sollte, die mit Kindern biblische Texte erschließen. Es eröffnet erhellende Gedanken und neue Perspektiven, die bei der herkömmlichen Bibellektüre häufig unreflektiert bleiben. Gerade vor dem Hintergrund eines zunehmenden Antisemitismus appelliert das Buch an die Verantwortung all jener, die den Juden Jesus als Sohn Gottes bekennen: dem Judentum nicht die Rolle eines Gegenspielers zuzuschreiben, sondern die geschwisterliche Verbundenheit beider Religionen sichtbar zu machen. Dies gelingt den Autorinnen auf überzeugende und zugleich einfühlsame Weise. Im Nachwort für die Kinder wird es pointiert ausgedrückt: „Jüdinnen und Juden, Christinnen und Christen sollen wie Geschwister füreinander da sein. Sie sind von G*tt geliebte, unterschiedliche Geschwister.“ (68)

Nina Kölsch-Bunzen / Ariane Dihle / Katharina von Kellenbach
Illustriert von Marion Goedelt
Berlin: Ariella Verlag. 2025
88 Seiten m. farb. Abb.
22,00 €
ISBN 978-3-945530-51-1

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