Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz: Spielräume. Zwischen Natur, Kultur und Religion: der Mensch

Um das unterschiedliche Ausgreifen der menschlichen Freiheit im Spannungsfeld der Einflüsse von Natur, Kultur und Religion geht es der Autorin dieses Bandes, um den „Spielraum des Menschlichen“. Geschult in Romano Guardinis Gegensatzdenken zeigt sie diesen Spielraum an Pendelausschlägen des Lebens. Wer das Einpendeln im Spielraum der möglichen Gegensatzpole verfehlt, ist in Gefahr, aus der rechten, der guten und gesunden Mitte herauszufallen.

Gelingt aber das Einpendeln, muss etwa Altern nicht nur Mühsal sein, sondern kann auch zu einer „Zeit der Befreiung und des Freiräumens“ werden. Lässt sich Verhärtung und Bitterkeit vermeiden, wird der Neubeginn nach einem Scheitern gelingen. Im Durchgang durch die existenzielle Angst ist Tröstung in „christlicher Angstfreiheit“ zu finden. Askese ist richtig verstanden nicht Selbstquälerei, sondern öffnet für die Erfahrung der göttlichen Fülle. Scham als „heilige Scham“ ist „Wahrung seiner selbst“, des Kostbarsten, Eigensten, Schönsten, „damit es nicht verschleudert und enteignet wird“. Schauen und Tun, Arbeit und Muße müssen gegen die Gefahr des „Workoholismus“ der modernen Arbeitswelt in ein Gleichgewicht gebracht werden. Die befreiende Freude der biblischen Offenbarung, die versöhnliche Kraft des Humors widerstreiten der bitteren Humorlosigkeit der Korrektheit, die „Schwester der Intoleranz und Tante des Extremismus“ ist. Im Verhältnis von „Charakter (Selbstgestaltung, Selbsthabe) und Charisma (Zuspiel, Gabe)“ ist Letzteres kein sicherer Besitz, denn auch das gnadenhaft Geschenkte erfordert Mitwirkung. „Blödheit“ verstanden als ein Zustand der Empfindungslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber der beglückenden Vielfalt des Lebens lässt uns erst die Weisheit richtig verstehen, die sich Sinn und Fülle des Lebens erschließen kann, den „Geschmack“ der einfachen Dinge, der umsonst gegeben wird „als reine Gabe und unerzwingliche Freude“.

Scharf und treffend wird immer wieder die moderne Egozentrik gegeißelt als Kult der Selbstverwirklichung, der in eine „tödliche Beziehungslosigkeit“ führt, denn er bedeutet „statt Dasein-für und Mitsein nunmehr ein Ichsein, statt Sich-Gegebensein ein An-sich-Reißen des Selbst“. Er ist „todbringende Krümmung auf sich selbst (curvatio in se ipsum)“, ja geradezu die Hölle, denn „Hölle ist bleierner Stillstand in sich selbst“. Dagegen ist es „die Gratis-Struktur des biblischen Denkens, das die zum Irrsinn werdende Anstrengung des ichhaften Selbstsetzens überholt“.

Zu Themen, um die derzeit auch innerkirchlich ein wahrer Kulturkampf im Gange ist, nimmt die Autorin entschieden Stellung. Den Zölibat etwa bestimmt sie als Ausdruck einer „messianischen Öffnung“ und die „Möglichkeit einer größeren Freiheit“, als den Verzicht auf die eheliche Liebe „um einer großen Liebe Willen“ auf Christus hin. Zum Spannungsfeld von „Emanzipation und Beliebigkeit“ übt sie scharfe Kritik an der „Hybris der Gender-Ideologie“ als „Leibferne“ und „Körperdekonstruktion“. Sie verteidigt Eltern- und Mutterschaft, die sie „durch die Suche nach dem Gral des eigenen Selbst“ gefährdet sieht. Leben ist „Gabe der Ahnen“, die es weiterzugeben gilt. Die „Entgrenzung des Tötungsverbotes“ mit Abtreibung und Euthanasie werde von ihren Befürwortern unter der Maske des Humanen mit einer falschen Auffassung von „Selbstbestimmung aus Freiheit“ begründet.

Die Kapitel des Bandes entsprechen Vorträgen, die für die Philosophisch-Theologische Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz/Wienerwald gehaltene wurden. Die Autorin wirkt dort als Vorstand des Europäischen Instituts für Philosophie und Religion. Der Band versammelt eine funkelnde Vielfalt an biblischen Lehren, literarischen Funden, Volksweisheiten und philosophisch-theologischen Erkenntnissen, die von der Autorin jeweils zu Schlussfolgerungen zusammengeführt werden. Etymologische Tiefenbohrungen zu den betrachteten Begriffen, etwa zu den Wortfeldern „Vertrauen“ und „Charakter“, bereiten durch sorgfältiges Abwägen der Nuancen die weiteren Erörterungen vor. Die anregende Vielfalt der Wege und Ausgriffe lädt den Leser ein, daran anzuknüpfen, selbst weiter auszugreifen und sich mitunter weitere „Spielräume des Menschlichen“ zu erschließen.

Dresden: Verlag Text und Dialog. 2020
234 Seiten
24,90 €
ISBN 978-3-943897-56-2

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