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Hans-Joachim Höhn: Können – Sollen – Dürfen. Religionsphilosophie nach Kant
Mit hoher Einfachheit vermochte Romano Guardini, der sich zeitlebens auf der Scheidelinie von Religionsphilosophie und Theologie bewegte, von 1923 bis 1939 als Gastdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin katholische Weltanschauung zu lehren, bis das NS-Regime seine Lehre für unvereinbar mit der völkischen Ideologie erklärte. Im Gedenken an Guardini besteht seit einigen Jahren eine Stiftungsprofessur an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität.
Hans-Joachim Höhn hielt im Rahmen dieser ehrenvollen Professur Vorlesungen über die Religionsphilosophie nach Kant, über Vernunft und Glaube in der Gegenwart, in einem Zeitalter der „radikalen Säkularität“. Anders als Guardini setzt die Lektüre seines anspruchsvollen Bandes mehr als nur ein philosophisches Interesse voraus. Die Vertrautheit mit dem philosophischen und religionssoziologischen Begriffsrepertoire erleichtert das Verständnis der Darlegungen gewiss, trotz zahlreicher plastischer, metaphorisch aufgeladener Wendungen. Höhn betont die Wichtigkeit der Vernunft, um die „religiöse Phantasie“ zu beherrschen, da diese „ins Kraut des Übernatürlichen“ schieße.
Im Anschluss an Kants Grundfragen der Philosophie über das Können, Sollen und Dürfen, die dieser mit der Frage „Was ist der Mensch?“ unauflöslich verband, finden Annäherungen an das Phänomen Religion statt. Staunend fragt sich der Leser, warum weder die Frage noch die Sehnsucht nach Gott als Ausgangspunkte für diese Reflexionen berücksichtigt werden. Höhn erwägt, ob Kants kategorischer Imperativ durch einen kategorischen Komparativ ersetzt werden könne. Vorherrschend scheine das säkulare Bestreben zu sein, dem „Optimierungsvorbehalt“ nachzugehen, also nach beständigen Verbesserungen zu suchen. Ebenso wird aufgedeckt, dass sich diese Praxis im Schatten der Endlichkeit vollzieht. Alles, was verbessert wird, ist unausweichlich vergänglich. Daraus entsteht Angst. Auch das „apokalyptische Bewusstsein“ gehöre zum „Erbe des Christentums“, nur scheint heute etwa die Angst vor dem menschengemachten Klimawandel die ursprünglich durchaus hoffnungsfrohe Aussicht von Gläubigen auf die Vollendung in Christus abgelöst zu haben. So verweist Höhn auf die „Inszenierungen der Klimaangst“, die von Aktivisten der „Letzten Generation“ betrieben würden, während zugleich im Alltag eine philosophische Frage sichtbar wird: „Kann man angesichts eines endlichen Lebens wirklich froh werden?“ Doch die mutmaßliche Endlichkeit des Menschen entbindet nicht von der Verpflichtung, moralisch zu handeln. Die Vernunft brauche aber das „Andere“, besonders wenn die „empirischen Gelingensbedingungen nicht hinreichend erfüllt sind“. Hier öffnet sich ein Weg zur „Sinnbedingung moralischen Handelns“, religiös gesprochen: die Hoffnung auf die Zukunft bei Gott. Doch man muss vermutlich schon glauben, um darauf zu hoffen. Höhn bleibt also vorsichtiger und bezeichnet den Menschen als ein Wesen, „das sein Leben im Modus des Könnens, Sollens und Dürfens führt“. Zugleich beschreibt er wachsende Formen religiöser Indifferenz, nimmt aber hier eine europäische Perspektive eines verdunstenden christlichen Glaubens ein. Mitnichten erlischt ja der Glaube in Südamerika, Afrika oder Asien, doch hierüber wird nicht reflektiert.
Höhn denkt über die „modernitätskompatible Rede von Gott“ nach und diskutiert ein „Bezogensein auf Gott“, das „existenzkonstitutiv“ sei, während er das „Verschiedensein von Gott“ als „identitäts- und autonomiekonstitutiv“ bestimmt. Mit dem schlichten Gedanken der Gotteskindschaft, die etwa im „Vaterunser“ ausgedrückt ist, konvergieren diese Überlegungen nicht mehr. Hans-Joachim Höhn wirbt für eine „säkularitätssensible Kommunikation“ heute und sieht hierin einen Ansatz, um Guardinis Denken für die Gegenwart neu fruchtbar zu machen. Das mag nützlich sein, doch es bedarf einer anderen Gesprächsfähigkeit, denn christlicher Glaube oder auch christliche Theologie beider Konfessionen bewegt sich nicht beständig „im Horizont radikaler Säkularität“. Wer sich etwa im Dialog der Religionen engagiert – und dies auch oft ganz konkret vor Ort, etwa mit muslimischen Mitmenschen, ob in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder an der Universität –, wird die Erfahrung machen, dass die Auskunftsfähigkeit von Christen in der Welt von heute durchaus erwünscht ist, und zwar nicht über die Rolle des Christentums in einem Zeitalter der Säkularität, sondern über ihren Glauben und ihre Antwort auf die Frage nach Gott. Insoweit mag Höhn Perspektiven zu einem Verständnis von Säkularität aufzeigen, doch zugleich bleibt sein Ansatz sprachlos im Umgang mit religiös musikalischen Menschen und gläubigen Zeitgenossen der Weltreligionen.
Nach der Lektüre könnte eine neue religionsphilosophische Frage nach Kant erwogen werden: Leben wir heute wirklich in einem Zeitalter „radikaler Säkularität“? Den begründeten Zweifel daran kann das durchaus anregende Buch von Hans-Joachim Höhn nicht zerstreuen.
Freiburg: Herder Verlag. 2025
189 Seiten
25,00 €
ISBN 978-3-451-02453-5
