Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Hans-Martin Barth: Das Vaterunser

Inspiration zwischen Religionen und säkularer Welt

Hans-Martin Barth, emeritierter Systematischer Theologe und Religionsphilosoph, geht in seinem Buch der Frage nach, inwiefern das Vaterunser als Quelle der Inspiration für den Dialog zwischen den Religionen und mit der säkularen Welt dienen kann, indem er in den Religionen der Welt und in religionskritischer Literatur nach Bezugnahmen auf das Vaterunser Ausschau hält. Dass er dabei die existentiellen Erfahrungen religiöser und andersdenkender Menschen zur Gebetspraxis einbezieht und seine eigenen Probleme und Erfahrungen mit dem Vaterunser nicht ausspart, macht dieses Buch zu einer spannenden Lektüre. 

Barth will nach eigenem Bekunden das Vaterunser aus „fundamentalistischer Umklammerung“ befreien und „als ein bislang unausgeschöpftes Erbe der Menschheit“ neu erschließen, um darin „etwas Gescheites, Kluges, Weiterführendes“ zu entdecken – ein Unternehmen, das der Autor selbst als „durchaus gewagt“ bezeichnet. Die Problematik dieses Vorhabens zeigt sich schon am Adressaten des Herrengebetes, und der Autor fragt sich in Anbetracht interreligiöser Kontexte und areligiöser Rahmenbedingungen, ob für ein nichtchristliches Beten und Meditieren ein „Vater im Himmel“ eine unerlässliche Voraussetzung sein müsse. Einerseits glaube er nicht im traditionellen Sinn an die Existenz eines göttlichen Vaters im Himmel, an eine für sich bestehende überweltliche Welt. Andererseits sei das Vaterunser mit den Worten H. Thielickes das Gebet, „das die ganze Welt umspannt“, so dass er sich frage, ob diese Kurzformel des christlichen Glaubens die Ökumene der Religionen stören oder zur Einheit der Menschheit beitragen könne. 

Dementsprechend „öffnet“ er die Vaterunser-Bitten in ihren Anliegen nach den „nötigsten Informationen“ aus dem traditionell-christlichen Verständnis mit Fragestellungen, die sich aus den veränderten Verstehensvoraussetzungen der unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen ergeben. So lauten denn die Kapitel-Überschriften im Einzelnen: „Vater unser – und kein Vater im Himmel? Geheiligt werde dein Name – ‚heiligen‘ suspekt, ‚Name‘ unbekannt? Dein Reich komme – ein Paradies auf Erden? Dein Wille geschehe – wessen Wille? Unser Brot – täglich heute? Vergib – wie wir vergeben? Ohne Versuchung leben? Erlösung vom Bösen. Und nun?“ Die darauf folgenden „Ableitungen“ in andere religiöse und weltanschauliche Konzepte erweitern tatsächlich den Bedeutungshorizont der einzelnen Bitten, entfesseln sozusagen das Herrengebet und machen es für Christen wie Nichtchristen wieder interessant und wertvoll, führen aber auch zu „Wendepunkten“ im ursprünglichen Verständnis der Vaterunser-Bitten. 

Voraussetzung einer sachgerechten Ableitung ist die Vergewisserung der ursprünglichen Begrifflichkeit. Hier hätte z.B. die vom Autor mit Marcion in Zweifel gezogene Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ im Blick auf den Kausativ der hebräischen Fassung „Und laß‘ uns nicht in die Fänge der Versuchung geraten“ aufgeklärt werden können. Desungeachtet bringt der Autor eine Fülle von interessanten Einblicken in das interreligiöse und säkulare Verständnis der zentralen, existentiell und menschheitlich bedeutsamen Begriffe des Vaterunsers zur Darstellung: über das Vater-Symbol, über den Wert des Namens und die damit verbundene Würde des Menschen, über das Paradies und Zukunftsentwürfe, über den Willen und personale Autorität, über das Theodizee-Problem, über Nahrung und Religion, über die Kultur des Essens, über Schuld und Vergebung als personale und gesellschaftliche Erfahrung, über Versuchung als menschliche Grunderfahrung, über das sogenannte Böse und den Umgang damit. Insofern ist das Vaterunser, wie vom Autor anhand vieler Fragen herausgearbeitet, als Inspiration zwischen Religionen und säkularer Welt eine Quelle der Inspiration für Leserin und Leser. 

Hilfreich sind das im Anhang aufgeführte Quellenmaterial und ein Namensregister, was zu einer vertieften Beschäftigung mit den aufgeworfenen Fragen anregt. Am Schluss des Buches stellt Barth zusammenfassend fest, dass die einzelnen Bitten des Vaterunsers ihre je eigene Aufgabe in den unterschiedlichen Situationen unseres Lebens haben und uns als die Fülle dessen umgeben, „worauf wir hoffen und wonach wir greifen dürfen“. Zuletzt stellt er die Frage: „Und nun?“ Er beantwortet sie mit einem „So sei‘ es!“, mit dem Amen am Schluss des Vaterunsers und zitiert dabei R. Guardini: „Amen. Das Weitere findet sich.“ 

Ein lesenswertes und inspirierendes Buch, weil es in die Welt fremder Religionen und anderer Wertvorstellungen einführt und von dort her den Leser anregt, das Vaterunser als Kompendium christlichen Glaubens neu zu bedenken.


Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. 2016
222 Seiten
19,99 €
ISBN 978-3-579-08233-2

 

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