Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Heidrun Dierk: Gott und die Kirchen

„Gott und die Kirchen“ – dieser Titel, der nicht unmittelbar auf eine historische Einführung schließen lässt, könnte treffender nicht formuliert sein. Und dies hängt nicht allein vom Umstand ab, dass es sich um einen weiteren Band der Reihe Theologie elementar des Verlages W. Kohlhammer handelt, deren Einzelbände stets mit den Worten „Gott und …“ beginnen. Die Zentrierung auf Gott im Verständnis einzelner Epochen und einzelner Kirchen ist hier Programm. Hier eröffnet sich ein erfrischend neuer Blick auf ausgewählte Geschehnisse innerhalb der Geschichte des Christentums in Europa und insbesondere im deutschsprachigen Raum. Durch zahlreiche Merkmale hebt sich diese historisch-theologische Einführung von vergleichbaren Veröffentlichungen der letzten Jahre ab. Zwar folgt das Buch als Überblickswerk einer eher traditionellen Chronologie, die jedoch epochenweise in drei Bereiche ausdifferenziert wird: Welche theologischen Motive und welches Gottesbild bestimmen die Zeit (Gottesverhältnis)? Welche inneren Entwicklungen in christlichen Gemeinschaften sind erkennbar (Binnenverhältnis) und welches Potenzial zur Weltgestaltung ging aus dem Christentum hervor (Weltverhältnis)? Auf konfessionelle Spezifika wird bisweilen mit einer bewusst „typisch evangelischen“ Zugangsweise eingegangen.

In einem einführenden Kapitel beleuchtet die Verfasserin die Relevanz der Disziplin der „Historischen Theologie“ („statt Kirchen- oder Christentumsgeschichte“) für das Fach Theologie sowie für Lehramtsstudierende, die aus dem vorgelegten elementaren Sachwissen Kompetenzen autodidaktischen Lernens und der Weitervermittlung erwerben sollen. Es folgen die chronologisch geordneten und in den „konzentrischen Kreisen“ der Binnen-, Welt- und Gottesperspektive differenzierten Kapitel. Jedes Kapitel beginnt mit einem kompetenzorientierten Einstieg, der in einem kurzen Überblick Hinweise liefert, was auf welche Weise erlernt werden kann und wie die jeweilige Epoche rekonstruierend zu interpretieren ist. Am Ende der Kapitel finden sich zudem Anregungen für den Unterricht und weiterführende Literatur- und Medienhinweise. Zum Teil werden Bild- und Textquellen ausführlich in die thematischen Ausführungen einbezogen. Ein Glossar, ein umfangreiches Literaturverzeichnis und ein Personenregister runden das Lehrwerk ab.

Während auch andere Lehr-, Studien- und Überblickswerke durchaus Welt- und Binnenperspektive gesondert in den Blick nehmen, gelingt es Heidrun Dierk, schwerpunktmäßig theologie- und frömmigkeitsgeschichtlich relevante Gottesbilder gleichwertig zu betrachten und dabei konsequent gendersensibel zu arbeiten. Die Institutionengeschichte rückt hierbei zwar nicht in den Hintergrund, erfährt jedoch auch keine einseitig starke Gewichtung, wie sie bisher in Standardwerken üblich war. So sucht man in anderen Studienbüchern etwa vergeblich nach der Einbeziehung der mystischen Theologie oder der haptischen Religiosität des Mittelalters als eigenständigen und ernstzunehmenden Gegentendenzen zur Scholastik. Auch die Berücksichtigung von semireligiösen Lebensformen wie etwa des Beginentums im Mittelalter oder Neuaufbrüchen vergleichbarer Vergemeinschaftungen in der Frühen Neuzeit sowie auf evangelischer Seite die ausführliche Betrachtung des Pietismus trägt den wissenschaftlich innovativen Forschungen der letzten Jahre Rechnung und befindet sich damit auch als Lehrbuch auf der Höhe der Zeit. Zuletzt soll auch die vorbildliche Berücksichtigung christlich-theologischer bzw. religiöser Ideen in der Zeit des Nationalsozialismus Erwähnung finden, deren Erforschung selbst in der Wissenschaft noch in den Kinderschuhen steckt.

Alles in allem legt Heidrun Dierk ein innovatives historisch-theologisches Handbuch vor, das fundiertes Orientierungswissen mit erfrischenden und längst überfälligen Neuakzentuierungen bietet und daher unbedingt lesenswert ist.

Theologie elementar

Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag. 2015.

229 Seiten m. s-w Abb.

34,99 €

ISBN 978-3-17-023007-1

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