Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Heike Bold / Dortje Treiber: Schule inklusionsorientiert gestalten

 

Die beiden Autorinnen Heike Bold (Grundschullehrerin, Mitarbeiterin am Staatlichen Schulamt und dem Zentrum für Schulqualität und Lehrkräftebildung in Baden-Württemberg) und Dortje Treiber (Schulsozialarbeiterin und Inklusionspädagogin) bringen vielfältige, schulische Erfahrungen mit, die in dem vorliegenden Werk Anregungen für eine inklusionsorientiere Schulpraxis bieten.

In einem Grußwort werdenzentrale Intentionen des Werkes als„eine Zusammenstellung … und Grundlegungen für eine inklusive Pädagogik“ (8) benannt, die pädagogisch Tätige dabei unterstützen sollen, sich besser den Herausforderungen im inklusiven Unterricht stellen zu können. Jedes Kapitel schließt mit Antworten auf die Frage: „Was bedeutet dieses Thema für mich in meiner pädagogischen Arbeit?“ ab und fügt hierfür konkrete Praxistipps und Denkanstöße an.

Im ersten Kapitel wird der theoretische Ansatz der „trilemmatischen Inklusion“ anhand von drei Basisansätzen (Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion) nach Mai-Anh Boger vorgestellt und auf den pädagogischen Alltag hin übertragen.

Das zweite Kapitel setzt sich damit auseinander, welche Aspekte der Inklusionspädagogik, wie das Erkennen von Vielfalt und Verschiedenheit, für die eigene Arbeit hilfreich genutzt werden können.

Im dritten Kapitel steht die Haltung von Pädagoginnen und Pädagogen im Mittelpunkt und es wird die Frage erörtert, wie Vielfalt erkannt, stärkenorientierte Rückmeldungen gegeben und Barrieren abgebaut werden können. Die hier vorgestellten Tipps und Ideen für einen „stärkenorientierten Methodenkoffer (siehe 39) sind dafür sehr hilfreich.

Der Frage des „Andersseins“ wird sich im vierten Kapitel anhand von Beispielsschilderungen von Lernenden angenähert und daraus die Bedeutung einer Differenzsensibilität im eigenen, pädagogischen Auftrag abgeleitet. Damit wird das Ziel verfolgt, „dass alle Kinder um Diskriminierung und ihre Erscheinungsformen wissen [sollten], um sie zu erkennen …“ und in ihrem Handeln Zivilcourage zeigen, um Vorurteile abzubauen und Stereotypen entgegenwirken zu können (48 f.).

Anhand von „aufschließenden Impulsfragen“ nach den Professoren Heimlich und Moen wird im fünften Kapitel das Erkennen von inklusiven Momenten in der Praxis den Blick genommen und aufgezeigt, wo diese im eigenen Schulalltag zu entdecken sind.

Im sechsten Kapitel wenden sich die Autorinnen der Frage zu, welchen Einfluss Emotionen in schulischen Gemeinschaften haben und wie diese konstruktiv genutzt werden können. Gefühle sollten nicht tabuisiert, sondern konstruktiv aufgegriffen und im Sinne der Förderung der eigenen Selbstregulationsfähigkeit genutzt werden (vgl. 65 f.).

Um ein Verständnis von Lernenden füreinander in der Klassengemeinschaft zu gewinnen, wird im siebten Kapitel die Orientierung an vier psychosozialen Grundbedürfnissen empfohlen, welche für die Entwicklung eines guten Klassenklimas genutzt werden können. Unterschiedliche Bedürfnisse können so besser erkannt, Konflikte vermieden und ein achtsames Miteinander angebahnt werden.

Die Wechselwirkung von Inklusion und Demokratie wird im achten Kapitel in den Mittelpunkt gerückt, in dem partizipatorische Möglichkeiten wie das Mitwirken von Lernenden im Klassenrat, aber auch das Einbeziehen des Kollegiums in Entscheidungen der Schulleitung als Implementierung von demokratischen Strukturen und Prozessen in der Schule genutzt werden können (vgl. 83 ff.).

Das neunte Kapitel wendet sich dem Phänomen des Mobbings bzw. entsprechender Präventionsmaßnahmen in der Schule zu. Neben grundsätzlichen an die Lehrkraft gerichteten Fragen, was Mobbing in der pädagogischen Arbeit bedeutet, werden Alarmzeichen benannt und Möglichkeiten aufgezeigt, wie man effektive Interventionskonzepte implementieren kann.

Das zehnte Kapitel rückt die Elternarbeit in den Blick und zeigt auf, auf welche Weise Zugangsbarrieren wie Sprache, Unsicherheiten und Ängste durch ein stärken- und lösungsorientiertes Arbeiten überwunden werden können.

Im elften Kapitel wird die Arbeit in multiprofessionellen Teams als Chance in den Mittelpunkt gerückt, um der Heterogenität und dem hohen Differenzierungsbedarf im inklusiven Unterricht besser begegnen zu können. Anhand der Rollentheorie von Belbin wird damit eine stärkenorientierte Grundlage für eine gelungene Teamarbeit vorgestellt.

Im zwölften und abschließenden Kapitel wird verdeutlicht, welche Bedeutung eine inklusionsorientierte Schulentwicklung für die eigene pädagogische Arbeit einnehmen kann. Der Unterricht wird dabei als „kleine Keimzelle inklusiver Schulentwicklung“ (139) benannt. Leserinnen und Leser werden dazu ermutigt, Inklusion „im Kleinen“ zu beginnen, sich sukzessive Verbündete im eigenen Kollegium zu suchen und Inklusion als einen kontinuierlichen Entwicklungsprozess zu begreifen.

In einem Ausblick ziehen die Autorinnen im Sinne eines Plädoyers ein gemeinsames Fazit, dass Inklusion eine kontinuierliche Herausforderung bleiben wird und sehen dabei eine bildungspolitische Verantwortung bei jedem Einzelnen. Sie enden mit der Aussage: „Als Schule inklusionsorientiert zu arbeiten ist notwendig, um die Grund- und Menschenrechte aller Kinder und Jugendlicher zu wahren und zu achten.“ (142) Pädagoginnen und Pädagogen legen damit den Grundstein für eine vielfältige Gesellschaft, bei der jeder einzelne Mensch willkommen ist. Dies kann in einem erweiterten Inklusionsverständnis gelingen, bei dem die Teilhabe „unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Religion, individuellen Fähigkeiten, Behinderungen, sozialen Hintergründen, sexueller Identität oder Orientierung“ (144) ermöglicht und dafür jede Schule, jede Klasse und jede einzelne Person ihren Beitrag leisten soll.

Das sehr praxistaugliche Werk richtet sich in einer erfrischend direkten Weise an pädagogisch Tätige und bietet dafür eine Vielzahl an alltagstauglichen Beispielen und Umsetzungsideen an. Darin liegt der Wert dieses Buches, welches zu Recht den Untertitel: „Denkanstöße und Handlungstipps für die pädagogische Praxis“ trägt. Das Literaturverzeichnis ist umfänglich und spiegelt den aktuellen Stand empirischer Publikationen für die pädagogische Umsetzung wider.

Denkanstöße und Handlungstipps für die pädagogische Praxis
Mit E-Book u. Online-Material
Weinheim: Beltz Verlagsgruppe. 2025
151 Seiten m. Abb.
22,00 €
ISBN 978-3-407-63342-2

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