Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Heiko Bräuning: Darum lässt Gott Leid zu. Ein Denkanstoß

Die Theodizeefrage gehört nicht nur zum Inventar theologischen Nachdenkens in der Gegenwart, sie ist ein inhaltlicher Anker schon im Religionsunterricht der Mittel- und Oberstufe. Zwischen Ijob und Psalmen, Leibniz und Büchner, Metz und dem Katechismus ist das Feld der Antworten auf die Anfrage an die dogmatischen Setzungen des biblisch-christlichen Glaubens genau vermessen. Was kann ein weiterer Beitrag zur Problematik an neuen Perspektiven bringen, außer eine sehr persönliche Betrachtung bzw. Lebensbilanz?

Der evangelische Theologe und Journalist Heiko Bräuning versteht sein Büchlein als einen Freestyle-Denkanstoß, also eine Reflexion ohne Fußnotenapparat und umfangreiches Literaturverzeichnis. Seinen Ansatzpunkt bildet die Überzeugung, dass Gott fern ist: „Der Herr ist außer Landes gegangen“, wie es in Jesu Gleichnis von den Talenten heißt, das motivgebend in zahllosen Gedankenschleifen über das gesamte Buch hinweg ausgedeutet wird.

Im ersten Teil seiner Überlegungen möchte Bräuning insbesondere die Kirchenfernen mitnehmen, was allerdings nicht recht gelingen will. Denn es wird sehr schnell sehr fromm. Es tauchen Menschen auf, die seine Rundfunk- und Fernsehbeiträge verfolgen, inkludierende Personalpronomina deuten den Predigtkontext an und auch sonst werden zahlreiche Bibeltexte und christentümliche Kontexte aufgerufen. Zudem ist sich der Leser zunächst nicht ganz sicher, ob es sich bei dem „abwesenden Gott“ Bräunings um eine Übersetzung des lutherischen „deus absconditus“ handelt, um eine an Nietzsche anschließende Metapher für das Empfinden in der Postmoderne oder nicht doch um eine Wörtlichnahme der biblischen Bilder von Himmelfahrt und Bewährung, Parusie und Endgericht. Therapeutische Botschaft ist: Es entlastet dich, wenn du Gott nicht ständig mit deinen Anliegen in den Ohren liegst, sondern als Erwachsener mit der Freiheit, die dir geschenkt ist, deine Dinge regelst.

Der zweite Teil des Buches ist fragenden oder überzeugten, im Ganzen aber überaus bibelfrommen Christen gewidmet. Lange Zitate aus der Heiligen Schrift lösen sich in lockerer Folge ab mit erbaulichen Geschichten aus dem Leben. Der katholische Rezensent vermutet, dass eine treue Gemeinde von Hörern und Lesern aus dem freikirchlichen bzw. evangelikalen Kontext mit dieser Form religionsbezogener Rede vertraut ist. Inhaltlich laufen die Gedanken auf das Anliegen hinaus, Gott aus dem „Schussfeld“ herauszunehmen – „wir tragen Schuld und Verantwortung“ (170).

Nicht ganz zu sehen ist, was denn nun an dem Büchlein originell sein soll. Der von Bräuning in den Blick genommene Bereich des „malum morale“ ist in der Theodizee ohnehin am leichtesten zu bearbeiten, das „malum physicum“ und das „malum metaphysicum“ bleiben als Anfrage bestehen und werden auch im vorliegenden Aufriss weitgehend ausgeblendet. An einigen Stellen wird deutlich, dass der Autor einen persönlichen Denkweg zu einem Abschluss bringen möchte. Das verdient Respekt. Methode, Form und Inhalt sind allerdings milieubezogen begrenzt.

Wer sich als angehende Lehrkraft oder interessierter Zeitgenosse eine grundlegende Einführung in die Theodizee-Diskussion wünscht, sollte zu einem anderen Buch greifen.

Freiburg: Herder Verlag. 2025
175 Seiten
20,00 €
ISBN 978-3-451-60143-9

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