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Heinrich Schmidinger: Toleranz – auch eine Geschichte Europas
Heinrich Schmidinger, der soeben ein magistrales Werk unter dem Titel: „Toleranz – auch eine Geschichte Europas“ vorlegt, hätte diese gründliche Rekonstruktion des Toleranzgedankens aus Gründen der Aktualität unternehmen können, denn Toleranz ist in der derzeitigen kriegs- und krisengeschüttelten Epoche leider ein „knappes Gut“ geworden, also hochaktuell und nach dem bekannten ökonomischen Grundsatz kostbar und von hohem Wert – knapp, aber auch sehr geläufig. Das hat etwas von einem Paradox. Im richtigen Leben ist die Toleranz auf dem Rückzug, doch gleichwohl blühen die Diskurse und der Begriff ist in aller Munde. Das nutzt ihn ab, hilft aber dem, was er meint, nur wenig. Schmidinger kann also nicht, wie ein Journalist, der Aufmerksamkeit erregen will, damit rechnen, dass das Publikum auf seine Arbeit gewartet hat.
Für die Bedeutung des Themas kann er allerdings andere Kriterien anführen. So legt er gleich zu Anfang überzeugend dar, wie wichtig und aktuell der von Europa geprägte Toleranzdiskurs für den globalen Frieden ist, und Frieden ist nach Dolf Sternberger Ziel und Zweck aller Politik. Darauf ist Schmidingers Kompass ausgerichtet. Insofern gewinnt sein Werk den Charakter einer ideenpolitischen Intervention, hat aber in seiner Gründlichkeit und dem Detailreichtum seiner historischen Beispiele durchaus die Qualität eines Referenzwerkes von Bestand. Schon Arnold Angenendt, der 2021 verstorbene Kirchenhistoriker, hatte mit „Toleranz und Gewalt“ (2007) und „Lasst beides wachsen bis zur Ernte. Toleranz in der Geschichte des Christentums“ (2018) das Thema beleuchtet und dabei reiches Quellenmaterial beigebracht. Schmidinger verfolgt einen breiteren Ansatz, der politische, kultur- und ideengeschichtliche Aspekte auch außerhalb der Religion mit einbezieht. Philosophen, wie dieser Autor einer ist, mögen manchmal der Versuchung nachgeben, die von der Schönheit einer systematisch-mathematischen Konsistenz ausgeht. Dieser Versuchung widersteht er ausdrücklich, indem er seinem Werk den Status einer „wissenschaftlichen Erzählung“ gibt, denn Geschichte, auch die Geschichte einer Idee, wird erzählt und nicht konstruiert. Das Kunststück besteht dann darin, trotz dieses bescheiden anmutenden Theorieanspruchs dem Leser am Ende eine durchaus umrissene Vorstellung von Toleranz zu vermitteln.
Wer wie Schmidinger behauptet, „dass die heute verbreitet herrschenden Toleranz-Diskurse das Ergebnis einer bemerkenswerten Sonderentwicklung sind, die sich (…) in Europa wie nirgendwo sonst ergeben haben“, muss aufpassen, dass er nicht in die Falle des Selbstwiderspruchs tappt. Wer Europa in der globalen Begegnung der Kulturen dieses Patent ausstellt, der könnte am Ende auf der Metaebene als intoleranter Eurozentrist dastehen. Der Autor begegnet diesem möglichen Vorwurf zunächst dadurch, dass er in anderen Kulturen, etwa im alten Ägypten und in Asien, Beispiele praktizierter Toleranz aufzeigt, in der Hauptsache aber dadurch, dass er in guter Ausführlichkeit die Wurzeln freigelegt, aus denen der europäische Toleranzgedanke sich nährt. Schmidinger kann seine Toleranzgeschichte nicht erzählen, ohne sich nicht selbst „zur Toleranz angehalten zu fühlen“. Toleranz als ethische Norm hat eine Geschichte in Europa, die nach Überzeugung des Autors nicht oft genug erzählt werden kann.
Bevor er, beginnend mit der Antike, die Entwicklung in ihren wichtigsten Stationen durchläuft, kommt er auf die Entstehung der monotheistischen Religionen und ihr Menschenbild zu sprechen, denn auf diesem Terrain findet sich der Hauptkampfplatz zwischen Toleranz und Intoleranz. Auf dem Höhepunkt seiner Erzählung lokalisiert er im Zeitalter der Aufklärung und der Wissenschaft schließlich die mentalitätsprägende Kraft, die dazu verhilft, dass Toleranz habituell wird und sich apolitisch durchsetzen kann.
Für diese und die folgenden Epochen ist Boccaccios bzw. Lessings berühmte Erzählung von den drei Ringen der emblematische Text geworden. Die Ringparabel bietet den theatralischen Rahmen für das Singular-Plural-Problem, auf das die Forderung nach Toleranz reagiert. Weil durch die Mehrzahl äußerlich gleicher Ringe der rechte „nicht erweislich“ war, musste der steile exklusive Wahrheitsanspruch, für den der eine und einzige Ring am Anfang stand, fallengelassen werden. Aus der Mehrzahl der Wahrheitsansprüche ergibt sich für Lessing die Äquidistanz als Konsequenz.
Die globale Moderne hat ein fundamentales Singular-Plural-Problem. Keine Gesellschaft kann sich mehr als die einzige wahrnehmen. Im globalen Pluralismus steht daher jeder exklusive Singular unter Generalverdacht. Seit Jan Assmann dem Monotheismus mit seinem Buch „Moses der Ägypter“ (1998) eine intolerante Gewaltaffinität unterstellt hat, ist neue Bewegung in die Debatte um das Singular-Plural-Problem gekommen. Assmann hatte zunächst den exklusiven Wahrheitsanspruch, der sich aus der Kritik Israels an den selbstgemachten Göttern des Polytheismus ergab, als den Quellpunkt religiös motivierter Gewalt identifiziert. Diese These konnte er mit eindrucksvollen Beispielen aus dem Alten Testament illustrieren. Sie fand zwar vielfach Widerspruch und wurde schließlich von ihm selber abgeschwächt. In Schmidingers Erzählung nehmen die Beispiele religiös motivierter Gewalt den ihnen gebührenden Raum ein. Seine Religions- und Toleranzgeschichte spiegelt sich immer wieder in Episoden ideenpolitischer und praktischer Intoleranz.
Für die katholische Kirche war es schließlich ein weiter Weg, der vom Antimodernismus Pius X. bis zu den Dokumenten Nostra aetate und Dignitatis humanae führte, in denen das Zweite Vatikanische Konzil die Religionsfreiheit und den Wert der anderen Religionen anerkannte. Schmidinger skizziert mit weitgehender Zustimmung Hans Küngs Projekt Weltethos und die pluralistische Religionstheologie Perry Schmidt-Leukels, die seinem Konzept von Toleranz, das von der Duldung zur Anerkennung fortschreitet, nahekommen.
Man kann fragen, ob der atavistische binäre Gegensatz „Wir und die anderen“ sich immer an religiösen Fragen anschärft, wenn es in konfligierenden Gesellschaften darum geht, dass das Wir sich notfalls mit Krieg und Gewalt als besser und stärker erweisen soll als die anderen. Auch kann man bezweifeln, dass sich Religion auf doktrinale Themen eingrenzen lässt. Dies gilt erst recht für die Zuspitzung auf die Wahrheitsfrage. Die berühmte Frage des Pilatus „Was ist Wahrheit?“ muss durchaus ernst genommen werden. Aber ist es wirklich die Frage nach der Wahrheit, an der entlang eine Kultur oder eine Religion ihre Identität ausbildet? Sie ganz zu verabschieden, hieße allerdings, die Eulenfisch-Frage nach dem Verhältnis von Vernunft und Religion einfach fallen zu lassen. Wer sich allzu schnell auf eine Metaebene begibt und für sich die Position eines Beobachters vom Spielfeldrand fingiert, macht es sich leicht, wenn er die Äquidistanz zur Norm erhebt.
Am Ende seines eindrucksvollen und informativen Werkes bietet Heinrich Schmidinger ein Tableau, auf dem er seiner Leserschaft die wichtigsten Ansätze, die Philosophie und Theologie im 20. Jahrhundert angesichts des Singular-Plural-Problems entwickelt haben, pointiert vorstellt. In der globalen Moderne hat sich der Pluralismus verschärft. Durch ein ethikfreies Internet vermischt sich ein vielstimmiges anything goes zu einem wenig melodiösen Grundrauschen.
Für das Christentum wurde es Zeit, sich deutlich von dem Anspruch auf Wahrheitsbesitz zu verabschieden, der sich in der Vergangenheit so unselig ausgewirkt hatte. Aber auch für Hans Küng ist man nicht entpflichtet, im Dialog nach der Wahrheit zu suchen. Nikolaus von Kues hat den dynamisierenden Begriff der verisimilitude geprägt. Nach der Wahrheit zu streben ist der Motor einer Vernunft, die ihre Grenzen kennt. Sie folgt einem Stern, von dem sie weiß, dass sie ihn nicht betreten kann. Seit seinem Ursprung im babylonischen Exil Israels blickt der biblische Monotheismus auf ein großes Gegenüber, das von einer singulären Simultaneität von Präsenz und Vorenthaltung gekennzeichnet ist. Die Besinnung auf diese Vorenthaltung ist im Plural der Moderne so aktuell wie nie zuvor. JHWH, der „Ich bin da“, ist das große Gegenüber der Welt, die er geschaffen hat. Als empirische Größe ist er in ihr nicht zu besichtigen. Seine Wirklichkeit entsteht ausschließlich dadurch, dass er wirkt.
Basel: Schwabe Verlag. 2024
298 Seiten
32,00 €
ISBN 978-3-7965-4441-5
