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Henrike Lähnemann / Eva Schlotheuber: Unerhörte Frauen
Die beiden Mittelalterforscherinnen Henrike Lähnemann (Lehrstuhlinhaberin an der Faculty of Medieval and Modern Languages der University of Oxford) und Eva Schlotheuber (Professorin für Mittelalterliche Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) geben mit vorliegender Publikation einen spannenden Einblick in das Alltagsleben norddeutscher Frauenklöster (Braunschweig, Lüneburg, Celle) im Spätmittelalter. Die beiden Autorinnen greifen auf Informationen und einmalige Quellen zurück, die bislang unbekannt und in diesem Sinne „unerhört, ungehört“ waren: eine Briefsammlung der Benediktinerinnen aus dem Kloster Lüne, Andachtsbücher, Weltkarten, Wandteppiche sowie die Tagebuchaufzeichnungen einer anonymen Zisterzienserin aus dem Heilig-Kreuz-Kloster bei Braunschweig, datiert auf die Zeit von 1484 bis 1507. Diese vergessenen Stimmen und Zeugnisse „gelehrter, streitbarer, gläubiger und geschäftstüchtiger Nonnen“ wollen die Autorinnen wieder hörbar machen, denn „ihre Gemeinschaften waren oftmals mächtige Institutionen“ (7).
Das Buch gliedert sich in sechs größere Themenkomplexe, in denen die Spiritualität und das Alltagsleben der Frauenkonvente stimmig vorgestellt werden: Leben in einem klausurierten Kloster (Kapitel 1), Bildung und Ausbildung (Kapitel 2), Beziehungen zu Familie und Gesellschaft (Kapitel 3), Musik und Reform (Kapitel 4), Reformation (Kapitel 5), Sterben und Tod im Kloster (Kapitel 6). Ein Glossar sowie ein Quellen- und Literaturverzeichnis beschließen den Band, der zudem etliche Anschauungsbeispiele bietet.
Wie der Untertitel verspricht, zeigen die Autorinnen, dass die Nonnenklöster im 15. Jahrhundert weitläufig vernetzt waren – untereinander, aber auch hinein in die Herkunftsfamilien und die Gesellschaft. Zwar hatte der Probst als ranghöchster Geistlicher im Kloster neben der Äbtissin das wichtigste Amt inne, doch als die Äbtissin Elisabeth Pawel des Heilig-Kreuz-Klosters 1488 erkennen musste, dass Probst Heinrich Karstens Güter des Klosters für eigene Zwecke veruntreute, griff sie zu einem raffinierten Mittel, das viel über die Kommunikationswege zwischen Welt und Kloster verrät: Sie gab dem gesamten Konvent die Erlaubnis, sich bei Verwandten und Freunden über den Probst zu beschweren. Die Wirkung war gewaltig, aber auch für das Heilig-Kreuz-Kloster nicht folgenlos: „[D]er abgesetzte Probst rächte sich auf seine Weise und nahm […] mit, was er nur konnte“ (84).
Herzstück der Ausführungen sind die kurzweiligen Tagebuchaufzeichnungen der anonymen Zisterzienserin, die über mehr als zwei Jahrzehnte aus der Innenperspektive des Konventes berichtet – ungefiltert, kritisch und durchaus selbstbewusst. „Das habe ich geschrieben, damit Spätere nicht jedes Wort glauben, das sie hören“, notiert sie, als Probst und Konvent auf Trickbetrüger hereingefallen waren (11). Die unbefangene Stimme der Tagebuchschreiberin, die für ihre Notizen kurzerhand den Text eines alten Gebetbuchs vom Pergament abschabte, macht das Buch äußerst interessant und lesenswert. Es ist flüssig geschrieben und zeigt auf, dass die Nonnen auch „unerhört widerspenstig“ werden konnten, wenn sie die eigene Sache und das Leben in der Nachfolge Jesu verteidigen mussten. Denn davon waren diese „Bräute Christi“ fest überzeugt: Von ihm wurden sie bevorzugt „erhört und erhöht“ (195).
Jedem, dem Klosteralltag und Klosterleben von Frauen in Geschichte und Gegenwart eher fremd und unbekannt ist, sei das anschauliche Buch zur Lektüre empfohlen.
Die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter
Berlin: Propyläen Verlag. 2023
222 Seiten m. s-w u. farb. Abb.
26,00 €
ISBN 978-3-549-10037-0
