Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Heribert Körlings: Auf Abwegen. Theopoetische Texte

Wer auf Abwegen unterwegs ist, hat die Orientierung verloren, sich ganz und gar verschätzt und braucht jemanden, der ihn auf den rechten Weg zurück lotst. Ist Heribert Körlings, pensionierter Gymnasiallehrer für Deutsch und Religion in Aachen und Autor mehrerer Bücher über das Werk Eugen Drewermanns, ein solcher Lotse durch den ‚Irrgarten Welt‘? Sein erster Gedichtband verheißt zumindest im Titel, dass er seine Leser auf Abwege führen wird. Aber bringt er sie auch wieder auf den rechten Weg zurück?

Der Untertitel des Buches weist darauf hin, dass die Gedichte allerdings einen anderen, demütigeren Anspruch haben. In vier Abschnitten, die von einem Prolog- und Epilog-Gedicht gerahmt werden, versammelt Körlings „Theopoetische Texte“; das sind Texte, deren Anliegen – der Definition Hans-Joachim Höhns gemäß – „nicht die zwingende Beweisführung, sondern die Befreiung von Denk- und Begriffszwängen“ ist (Hans-Joachim Höhn: In Gottes Ohr. Von der Kunst poetischer Gottesrede, 57). An gerade dieser Befreiung ist Körlings gelegen. Die Abwege, die er erschließt, die Bilder, die er entwirft, und die Pointen, die er setzt – alles führt ins Offene, in die Freiheit. Menschen, die – in sich selbst verkapselt – nicht mehr unterwegs sind; Menschen, die wähnen, der ebenso unverfügbaren wie elektrisierenden Infragestellung durch Transzendenzerfahrungen („Hören und Sehen“) zugunsten einer vermeintlichen „Sonntagsruhe“ nicht mehr zu bedürfen, sind in den Gedichten deshalb negativ konnotiert: Es sind Basta-Typen, (Ver-)Urteilende oder – wie es im Gedicht „Bockspotenz“ wunderbar ausgedrückt wird – „Weihrauchrichtige“. Diese Stagnation in (auch religiösen) Gewissheiten konterkarieren die Gedichte. Es sind subjektive Gegenwarts-Epiphanien, dem ‚Abgehen‘ der Zeit entrissene Momentaufnahmen, die Herz und Kopf in Bewegung bringen, indem sie neue Wege, neue Möglichkeiten sichtbar machen. Aus dem Titel spricht insofern die Überzeugung, dass der Mensch sich auf Abwege begeben muss, um nicht zu vergessen, dass die direkte Anpeilung eines und vielleicht sogar des immer gleichen Ziels so vieles ausschließt, was wegweisend werden könnte – auch jene Perspektivwechsel, zu denen die Gedichte einladen. Es sind Perspektivwechsel wie in „Zoo“, in dem das eingesperrte Tier zum Beobachter wird, oder in „Medium“, in dem jemand die Welt draußen in medialer Verdoppelung mit einem Fotoapparat durch eine Fensterscheibe betrachtet. Die in den Gedichten vorgenommenen Verkehrungen und Neubewertungen (z.B. „Gratis“) dienen dazu, Erstarrtes zu verflüssigen – so eine zentrale Metapher des Gedichtbandes. Sie sollen beim Umsteuern helfen („Comeback“), sollen „Neues erfinden / aus Freude am Spiel“ und haben ihrer Kürze und Leichtigkeit zum Trotz überall dort, wo sie „erste und letzte Fragen“ aufwerfen („Fragengefahr“), eine vulkanische Kraft. Diese Kraft unterscheidet sie von jenem „ununterbrochen ausgegossene[m] Gottesgerede“, das keine beunruhigende Wirkung mehr entfaltet. Um diese Beunruhigung geht es Körlings, nicht um ein rein kontemplatives Innehalten. Die z.B. bei der Betrachtung einer Krippe gewonnenen Eindrücke sollen wirksam werden – mitten im Leben: „Also: zwei Tage höchstens, / dann ab, in den Alltag zurück, wieder zugepackt!“

Die Abwege erschließende Freude am Spiel, die das poetologische Gedicht „Yo-Yo“ gleich der Gattung insgesamt attestiert, entfaltet in Körlings’ Lyrik eine beziehungsstiftende Wirkung – auch und vor allem dort, wo Gegensätzliches miteinander verbunden wird: im Gedicht selbst, das „durch Tiefe und Höhe“ schwingt, oder im „Futur II“, das Zukunft und Vergangenheit im Licht der Gegenwart zusammenbringt. Das Gedicht „Gottes Kind“ präsentiert zwei Vorbilder für jene beziehungsermöglichende Öffnung für das Andere, von der die Zielstrebigen nichts wissen wollen: Maria, die sich der „Wirklichkeit von oben“ zuwendet, und Josef, der sie träumend erfährt. In diesen beiden Gestalten ist für Körlings vorbildhaft jene Beziehung der gewissen Ungewissheit (wiederkehrendes Symbol: der wegweisende Stern) realisiert, auf die sein dichterisches, christlich grundiertes Schaffen ausgerichtet ist. Es ist Beziehungslyrik im Modus des Wünschens: „Sprich Dein leises Wort in mich hinein. / Lass mich eine Antwort sein.“

Die beiden zitierten Gedichte „Gottes Kind“ und „Wunsch“ finden sich nicht zufällig im letzten Abschnitt „Gegenwärtig“. Sie stellen die Verbindung her zwischen einer Vergangenheit, die im Hintergrund der Gedichte wirksam bleibt – mit ‚Vorgängern’ wie Heraklit, Platon, Aristoteles, Bonhoeffer, Enzensberger, Hemmerle („Osteraugen“), und einer Gegenwart, in der sich Körlings gleichsam zur Inventur anschickt („Gegeben“) – wie einst Günther Eich. „Füllworter streichen, Hohlwörter entlarven. / Das Wort auf die Goldwaage Wirkwort legen.“ Als Wirkworte, die Überkommenes reaktivieren, prüfen, neu arrangieren und problematisieren, zielen Körlings’ lyrische ‚Abwege‘ ins Zentrum: Sie helfen bei der Orientierung, indem sie die Option ins Spiel bringen, dass sich der Mensch seinen Lebensweg je selber im Zickzack bahnt – offen für Gott und Welt. Es sind im besten und wörtlichen Sinne religiöse Gedichte, die ihre Freiheit aus der Bindung an eine (literarische und theologische) Tradition gewinnen; Gedichte, die lehrreich sind, ohne zu belehren – und die wirken wollen: in Religionsunterricht und Katechese, in Gesprächen und „Mittendrin“: im „Leben und im Guten des Menschen“.

Würzburg: Echter Verlag. 2025
79 Seiten
14,90 €

ISBN 978-3-429-06828-8

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