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Holger Zaborowski: Sinn-Fragen. Denkversuche in unsicheren Zeiten
„Denn wer hofft, stößt nie auf einen letzten, alles absichernden Grund, sondern bleibt immer im Wagnis des Ungewissen“ lautet einer der Schlusssätze des letzten von zwölf Kapiteln in Holger Zaborowskis „Sinn-Fragen“. Mit diesem Zugeständnis innerhalb eines engagierten Plädoyers für die Hoffnung bescheidet sich der Autor mit Fragen und Vorschlägen zu erfüllenden Lebensvollzügen und zentrierenden Perspektiven.
Der 1974 in Haldern geborene Professor für Philosophie an der Universität Erfurt, Heidegger-Experte und Vorsitzende des Kuratoriums der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung nähert sich seinem Thema im Modus vorsichtiger Denkversuche. Den unsicheren Zeiten der Gegenwart begegnet der Philosoph nicht als hybrider Welterklärer oder medienwirksamer Prophet, vielmehr nimmt er den Leser in verständlicher Diktion mit auf den Weg eines tastenden Suchens und eines vom Wissen um die Begrenztheit des menschlichen Verstandes geprägten Nachsinnens. Es mag widersprüchlich erscheinen, dass sich diese methodische Demut an die größten Fragen geistiger Orientierung heranwagt, aber gerade so eröffnet sich eine solide und behutsame Möglichkeit, nicht zu verzagen vor den Kernthemen des in der utopistischen Moderne immer mehr resignierenden menschliches Geistes.
Schon die Überschriften der Kapitel in biblischer Zahl klingen poetisch verheißungsvoll: Schöpfung – Gärten – Sehnsucht – Muße – Spielen – Wirklichkeit – Leiblichkeit – Nähe – Namen – Heiligkeit – Widerstand – Hoffen. Und dieser Klang verhallt bei der Lektüre nicht, sondern erfüllt sich in symphonisch angelegten Motiven: Trotz Umweltzerstörung und Artenverlust, trotz Funktionalisierung des Menschen und dem ‚Tod Gottes‘, trotz sozialer Kälte und Vertrauensverlust in faktenbasierte Realitätsvermittlung, trotz Profanisierung aller Lebensbereiche einerseits und fundamentalistischem Terror andererseits, trotz aller nachvollziehbaren Gründe zur Resignation wagt es das Buch, das Staunen zu bewahren, Schönheit zu benennen, Zeit zur Muße zu schenken (denn dies ist die Lektüre!), Heiliges zu respektieren, einer Anpassung an den Zeitgeist zu widerstehen – und trotz allem zu hoffen und sich auf ‚Sinn‘ hin zu orientieren.
Dieser philosophiegeschichtlich nahezu unzeitgemäße Begriff scheint mit dem althochdeutschen „sinnan“ und indogermanischen „sent“ in etymologischer Verbindung zu stehen, was so viel bedeutet wie gehen, reisen, streben, trachten, und zeigt mithin eine gerichtete Bewegung an. Nach Niklas Luhmann schrumpft die Bedeutung von ‚Sinn‘ zu einer selektiven Beziehung von System und Welt, die in der Kommunikation stets aktualisiert werde. Vor diesem Hintergrund erscheint Zaborowskis Anerkennung einer allem Denken vorgängigen, sinngebenden „Herrlichkeit“ (89), die sich immer noch im Begriff Gottes manifestieren kann, auf den ersten Blick fast nostalgisch – zumal im Text keine Mühe auf Verteidigungsreden oder zwingende Argumentationsketten gegen die Entkoppelung des ‚Sinns‘ verwandt wird; diese Entwicklung wird schlicht (ohne detaillierte Referenzen) konstatiert.
Im reduzierten Anspruch essayistischer „Denkversuche“ entfalten sich jedoch gewinnende Angebote gedanklich tiefreichender (und implizit philosophiehistorisch gesättigter) Perspektiven, die in einer evidenten Mitte und Stille wurzeln: in der Anerkennung des Vorgängigen, des Gegebenen, das der Mensch nicht einzuholen vermag. Dieses Uneinholbare ist schwerlich zu leugnen, so sehr die menschliche Gattung auch darin fehlte, es als solches – etwa als Natur – zu respektieren; vielmehr suchte sie es auf seinen Nutzen zu reduzieren und sich selbst zu funktionalisieren. Die transzendente Obdachlosigkeit brachte eine „lebensweltliche Kellerlosigkeit“ mit sich, in der sich sinnerfüllter Vollzug des alltäglichen Lebens und seiner Rituale, etwa das gemeinsame Mahl, verlor (39).
Der Autor kehrt keineswegs zu scholastischen Deutungsgebäuden zur Stützung theologischer Axiome zurück, er erweitert vielmehr die von Emmanuel Levinas geforderte Anerkennung des Anderen um seine kosmischen und mystischen Dimensionen. Im alttestamentarischen Ruf Gottes aus dem vor Mose brennenden Dornbusch „Ich bin der, ich bin da“ (vgl. 125; Exodus 3,14), in dem sich nicht zuletzt die archaische Macht der Namensgebung für das Sein als solchem dokumentiert, springt der Funke des Geistes – fassbar allein in Sprache – über zwischen dem erkennenden Menschen und seiner ihn umgebenden Wirklichkeit. Erst im Sinnen des Menschen leuchtet ihr Wirken auf, in seinem immer schon auf Sinn bezogenen Sein, seiner Reise, einem Leben, das sich in seiner gerichteten, eben nicht bloß willkürlichen Bewegung erfüllt.
Hoffnung ist damit in der Logik Zaborowskis ebenso wenig ein Prinzip (im Sinne Ernst Blochs), wie ‚Sinn‘ ein Axiom sein kann; Hoffen und Sinnen beschreiben Weisen des schöpferischen, anerkennenden Bezugs zum Dasein, das an und für sich zu tiefster Bewunderung Anlass gibt, und dessen Uneinholbarkeit sich das Denken nicht zu schämen braucht: Jede Sprache enthält eine eigene Weltanschauung – so Zaborowski – und damit nicht nur eine Weise, in der Menschen die Welt anschauen, sondern auch eine Weise, in der die Welt den Menschen anschaut. Sie eröffnet als Raum von mannigfachen Bedeutungsbezügen einen „Ort der Hoffnung auf Sinn und Wahrheit“ (119f).
Ostfildern: Matthias Grünewald Verlag. 2024
173 Seiten
19,00 Euro
ISBN 978-3-7867-3360-7
