Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Isabelle Dolezalek (Hg.): Fenster für bewegtes Licht // Window for moving light

Am 7. April 2024 wurden im Chor des Greifswalder Doms St. Nikolai neue Fenster eingeweiht; am 5. September wurde der 250. Geburtstag des in Greifswald geborenen Malers, Grafikers und Zeichners Caspar David Friedrich gefeiert. Welcher Zusammenhang besteht zwischen beiden Ereignissen?

Eine erste biografische Verbindung besteht darin, dass Friedrich 1774 in St. Nikolai getauft wurde; er wurde zu dem romantischen Künstler schlechthin. – Für ihre Kirche initiierte die Domgemeinde das Projekt „Dom romantisch“, das einen Ersatz der weißen Kirchenfenster des Chors durch eine farbige Verglasung anstrebte. Um dieses Projekt einordnen zu können, ist ein kurzer Rückblick auf die Baugeschichte erforderlich.

Um 1370/80 entstand im Stil der Backsteingotik die später erweiterte und umgebaute dreischiffige Basilika. Im Ostchor befinden sich drei hohe Lanzettfenster, wobei das mittlere aus vier und die seitlichen aus zwei Bahnen bestehen und oben jeweils durch ein Rundfenster abgeschlossen werden. Zwischen 1824 und 1833 wurde der Dom im Geist der Romantik umgestaltet. Im Osten wurde ein achtteiliger Binnenchor aus Holz mit reich verzierten (neo-)gotischen Wimpergen und milchig verglasten Rosettenfenstern eingefügt. Der Plan farbiger Kirchenfenster, deren Licht durch die Rosettenfenster des Binnenchors ins Kircheninnere dringen würde, konnte nicht verwirklicht werden. Die schadhaft gewordenen farbigen Kirchenfenster von 1879 wurden in den 1980er Jahren durch eine Weißverglasung ersetzt.

2019 wandte sich „Dom romantisch“ an den dänisch-isländischen Künstler Olafur Eliasson (*1967), dessen Arbeiten, darunter spektakuläre Installationen mit Licht, internationale Aufmerksamkeit fanden. Sein Entwurf für die Neugestaltung der Ostfenster wurde angenommen und die farbigen Fenster pünktlich zum 250. Geburtstag Friedrichs zum Jahreswechsel 2023/24 eingebaut. Es sind Eliassons erste Kirchenfenster – also „Künstlerfenster“, die sich aber von denen etwa eines Gerhard Richter oder Markus Lüpertz signifikant unterscheiden.

Die in die gotischen Fensteröffnungen eingesetzten Glasscheiben greifen vertraute geometrische Formen auf und variieren sie: Die „Rauten und Quadrate im unteren Bereich“ entwickeln sich „hin zu sich überlagernden, größer werdenden Kreisen im oberen Bereich. … Während mein [d.h. Eliassons] Entwurf traditionellen, universellen Formen verpflichtet bleibt, ist die geometrische Gesamtkomposition zeitgemäß und dynamisch.“ (18) Noch in einer anderen Hinsicht bleibt Eliassons Arbeit der Tradition verbunden: Die Scheiben wurden aus mundgeblasenem Echtantikglas von der Glashütte Lamberts in Waldsassen gefertigt; die Bleiverglasung besorgte die Werkstatt Hein Derix in Kevelaer.

Mit dem Farbspektrum der Kirchenfenster – unten rötlich über gelb in der Mitte und oben bläulich – kommt erneut die Romantik ins Spiel: Eliasson hat sich explizit von Friedrichs Gemälde „Huttens Grab“ (um 1823/24), genauer: an dem durch die drei gotischen Fenster einfallenden Licht, inspirieren lassen.

St. Nikolai ist geostet, was zur Folge hat, dass nur morgens direktes Sonnenlicht eindringt. Die Besonderheit von Eliassons Kirchenfenstern besteht nun darin, dass auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes ein Heliostat installiert ist, mit den Worten des Künstlers ein „Apparat, der mithilfe eines beweglichen Spiegels das Sonnenlicht einfängt und bis in den Nachmittag umlenkt, sodass es durch die neugestalteten Buntglasfenster fällt“ (17). Außerdem sind im Chor etliche Spiegel angebracht, die im Zusammenspiel mit dem natürlichen Lichteinfall im Kirchenraum zu unterschiedlichen Farbeffekten führen. Die sich im Laufe des Tages verändernde Sonneneinstrahlung – das bewegte Licht – verändert die Atmosphäre im Innenraum. Bei einbrechender Dunkelheit strahlen die neuen Kirchenfenster nach außen. Der Verlauf der Zeit wird sinnlich erlebbar.

Das zweisprachige Buch enthält einen instruktiven Beitrag von Olafur Eliasson (17-21), dem sich ein längerer „Bildessay“ zu seinem künstlerischen Werk anschließt (22-47). Ein kurzer Beitrag liefert die erforderlichen Informationen zu den Fenstern (9-15), ein weiterer Aufsatz ordnet sie kunstgeschichtlich ein (79-93). Die theologisch-philosophischen Betrachtungen zu Zeit und Licht sind nach Auffassung des Rezensenten überflüssig und manchmal missverständlich (so handelt es sich bei den beiden Schöpfungstexten am Anfang der Bibel keineswegs um (Schöpfungs-)Berichte). Eigens zu loben sind die Fotografien des „Bildessays“ (95-134) von Jens Ziehe. Sie geben einen Eindruck von der betörenden Schönheit der „Fenster für bewegtes Licht“. Die Aufforderung, sie vor Ort mit den eigenen Augen zu sehen und am eigenen Leib zu erspüren, ist die Botschaft dieses gelungenen Buches.

Olafur Eliassons Ostfenster im Greifswalder Dom // Olafur Eliasson’s east windows in Greifswald cathedral
Regensburg: Schnell & Steiner Verlag. 2024
152 Seiten m. farb. Abb.
20,00 €
ISBN: 978-3-7954-3864-7

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