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Jacob Thiessen: Einleitung in das Neue Testament. Ein Lehrbuch

Die Einleitungswissenschaft ist eine exegetische Spezialdisziplin. Sie greift einerseits aus christlicher Binnenperspektive auf das Neue Testament als Kanon aus, blickt andererseits aber aus einer Außensicht auf ihre antiken Entstehungskontexte, d.h. sie nimmt sowohl eine emische als auch eine etische Perspektive ein. Die Einleitungswissenschaft ist es also gewohnt, ständig die Lesebrille zu wechseln, scheint sich dessen aber nicht immer bewusst zu sein. Entsprechend steht bei der Beantwortung der Fragen nach Datierung und Verfasserschaft in verschiedenen Kontexten einiges auf dem Spiel. In der katholischen Kirche waren diese Fragen lange Zeit Sache des Lehramts. Doch innerhalb der zeitgenössischen Exegese steht und fällt mancher hermeneutische Zugang mit der angenommenen Datierung der Texte.

Mit seiner Einleitung in das Neue Testament legt Jacob Thiessen, Baseler Professor für Neues Testament, den Finger in die Wunde. Mit seinen Datierungen weicht er deutlich vom exegetischen Mainstream ab und erinnert so daran, dass wir es bei der Entstehungszeit der neutestamentlichen Schriften nicht mit feststehenden Daten, sondern mit Hypothesen zu tun haben, die sich in Frage stellen lassen.

Thiessen stellt seinem Buch eine kurze Einführung zu Bedeutung und Inhalt des Neuen Testaments und zur Aufgabe der Einleitungswissenschaft voran, bevor er sich den 27 neutestamentlichen Texten widmet. Anders als andere Bücher des Genres beginnt er damit, jeweils einen Schlüsselvers auszumachen, bevor er Thema und Gliederung des Textes vorstellt. Der Mehrwert des nach Gutdünken abgesonderten Verses für das übrige Kapitel bleibt dabei unklar.

Wenn es dann als Erstes um die Entstehung des Matthäusevangeliums geht, lässt Thiessen aufhorchen: Der Zöllner und spätere Apostel Matthäus habe es in den vierziger Jahren noch vor der Entstehung des Markusevangeliums verfasst. Damit stellt Thiessen die mittlerweile kaum mehr ernsthaft verhandelte Markuspriorität in Frage. Doch auch die Befunde zu den anderen beiden Synoptikern sind ähnlich aufsehenerregend. Diese gehen nach Ansicht Thiessens auf den Arzt und Paulusbegleiter Lukas bzw. Markus, den Dolmetscher des Petrus, zurück.

Leserinnen und Leser, die entfernt mit Ergebnissen exegetischer Forschung in Berührung gekommen sind, geraten bei den Paulusbriefen ins Staunen. Hier schreibt der Autor jeden einzelnen Brief dem Apostel Paulus zu und leugnet das mittlerweile breit erforschte Phänomen der Pseudepigrafie gänzlich. Nachdem im Weiteren der Jakobus- und der Judasbrief dem entsprechenden Herrenbruder zugeschrieben werden, ist der Überraschungseffekt verpufft, wenn Leserinnen und Leser am Ende erfahren, dass die Offenbarung des Johannes wie das Johannesevangelium und die Johannesbriefe vom Lieblingsjünger geschrieben worden sei, in diesem Fall identifiziert mit Johannes, dem Sohn des Zebedäus.

Die diesbezüglichen Aussagen von Kirchenvätern wie Irenäus, Papias und Euseb sind hinreichend bekannt, werden allerdings von Thiessen unkritisch historisiert. Am Ende jedes Kapitels steht das fast wortwörtlich gleiche Fazit: „Es besteht kein wirklicher Grund, die entsprechende altkirchliche Überlieferung nicht anzuerkennen.“ (359)

Wer den eingangs erwähnten hybriden Charakter der Einleitungswissenschaft im Hinterkopf hat, kommt schnell dahinter, warum für Thiessen die Zuschreibung der Texte an frühchristliche Autoritäten so wichtig ist. Immer wieder wird deutlich, dass er die neutestamentlichen Schriften eben aus seiner emisch-christlichen Perspektive liest und für ihn dabei mit den Fragen der Verfasserschaft die „Glaubwürdigkeit der Evangelienberichte“ (45) auf dem Spiel steht: „Die Evangelien sind als sich ergänzende, zuverlässige Berichte zu lesen.“ (95) Nach Thiessens Schriftverständnis sind die Texte nur „glaub-würdig“, wenn sie historisch zuverlässig sind. Dementsprechend wehrt er sich in alter apologetischer Manier dagegen, die Deuteropaulinen einem anderen Verfasser zuzuschreiben, da diese in diesem Fall nichts weiter als „Fälschungen“ wären (271, 273, 277).

Insgesamt scheint die Auseinandersetzung mit den Einleitungsfragen hier nicht ergebnisoffen zu sein. Spätestens nach ein paar Kapiteln sind Lesende in der Lage, den angenommenen Verfasser des nächsten Buches im Vorfeld richtig zu erraten. Ob der mitunter scharf kritisierte exegetische Mainstream Thiessens Ergebnisse ernsthaft diskutieren wird, scheint mehr als zweifelhaft. Der in einem Exkurs zur synoptischen Frage angebrachte Vorwurf, man stütze sich hier mit einer Hypothese auf die andere, greift auch bei Thiessens eigener Einleitung. Wenn sich apostolische Verfasserschaft und Frühdatierung gegenseitig begründen, ist ein Zirkelschluss nicht von der Hand zu weisen: „Da wir davon ausgehen müssen, dass der Herrenbruder Judas den Brief geschrieben hat, ist anzunehmen, dass der Judasbrief nicht allzu lange nach dem 2. Petrusbrief geschrieben worden ist, d.h. wohl kurz vor oder nach 70 n. Chr.“ (365)

Doch die im Klappentext anvisierten „Anfänger der Theologie“ werden mit seitenlangen Synopsen des griechischen Textes, die die Stichhaltigkeit der Matthäuspriorität beweisen sollen, wenig anzufangen wissen. Überhaupt ist das Buch Studierenden nur sehr eingeschränkt zu empfehlen, da man mit den darin vertretenen Datierungen außerhalb des Baseler Campus wohl rasch in exegetische Erklärungsnot gerät.

Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt. 2024
452 Seiten
34,00 €
ISBN: 978-3-374-07508-9

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