Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jan-Heiner Tück: Minima Theologica. Spuren des Heiligen heute

Mit vierzig Miniaturen im Geiste einer experimentellen Theologie stellt sich der katholische Theologe Jan-Heiner Tück explizit in die methodische Nachfolge des atheologischen Philosophen Theodor W. Adorno. Eingefasst sind diese durch ein „Vorspiel“ und ein „Nachspiel“, Letzteres als Anmerkung zum Brief von Papst Franziskus über die Literatur. Während des amerikanischen Exils gab Adorno in seiner „Minima Moralia“ dem nach Auschwitz beschädigten Leben Ausdruck: Ein „richtiges Leben im Falschen“ sei unmöglich, so sein berühmtes Fazit. Reflexion ist die dem Denken verbleibende Aufgabe im Sinne der mit Max Horkheimer entworfenen Kritischen Theorie, da alles Affirmative dialektisch gebrochen werde, d.h. die Neigung zu seinem Umschlag ins Gegenteil enthalte. Den so geläuterten Anspruch an die Philosophie scheint Tück nun theologisch zu deklinieren.

Innerhalb knapper Betrachtungen, die sich von moderner Gottesverleugnung ebenso distanzieren wie von lautstarker Gottesgewissheit, spürt der Autor „Durchbruchserfahrungen“ und „Intensitätsmomente“ auf, die eine „Selbsttranszendenz“ des Menschen zum Heiligen ahnen lassen. Dabei will er Momente dokumentieren, in denen Literatur, Kunst und Musik unmittelbar berühren und augenblicklich zu Ehrfurcht und Innehalten führen, zu „Inseln eines zweiten Bewusstseinszustands“ (Robert Musil). So wie der Philosoph der „Minima Moralia“ die Realitäten zwecks Analyse und Kritik aufsucht und der Hybris einer Wahrheitserklärung entsagt, führt Tück die Theologie in eine Haltung der Demut. Aus ihr heraus dürfe sie weniger metaphysisch belehren als vielmehr reale Begegnungen und faktisches Erleben aufspüren und auf dessen mögliche Deutungen hinweisen. Dabei kommt zum Ausdruck, was nicht festgehalten und nicht einmal ganz erfasst werden kann, so etwa in häufigen Zitaten von Botho Strauß, der meint, das Nicht-Verstehen des ganz anderen (Göttlichen) ehre auch den Menschen mit größerem Nicht-Verstehen (23). Axiomatischer Anknüpfungspunkt von Tücks Theologie ist der zentrale Inkarnationsgedanke, die leibliche Menschwerdung Gottes, die das Transzendente im Konkreten historisch zugänglich und erfahrbar macht. So nimmt er neben ästhetisch-theologischen auch zeithistorische Fragen in den Blick, nicht zuletzt die brennende Problematik der Umweltzerstörung. Daneben stehen tiefe anthropologische Überlegungen im Anschluss an Martin Walser und seinen Roman „Muttersohn“, in dem es heißt „Die Höhle in jedem von uns, in der das Dunkel Platz hat, das zu uns gehört, dürfen wir Gott nennen. Und sie ist leer, diese Höhle …“ (59) Sie fügen sich in die Vermutung des evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth, dass der Schmerz über die Abwesenheit Gottes ein Modus seiner Anwesenheit sein könnte.

In der Kürze der einzelnen, teils bereits vorher veröffentlichten Miniaturen gelingt es Tück insbesondere bei den Reflexionen zu Literatur und Poesie, spirituelle Sinnspitzen, ihre individuelle Wirkmacht und Schönheit aufscheinen zu lassen, ohne ihre jeweilige Eigenart interpretatorisch-dogmatisch zu drangsalieren. Bei den Überlegungen zum Dichter Uwe Kolb gesteht er zu, dass „das größere Gegenüber“ als poetischer Raum zunächst zwischen den Zeilen stand und erst später in die Zeilen hineinwanderte: „Das Lied ohne dich ist tonlos / Herr, dies ist mein Psalm“ (56). Einen Höhepunkt erreicht das Kapitel 14 mit komplexen Inspirationen zu einem späten und unveröffentlichten Gedicht von Paul Celan, in dem es heißt „GEENGELT / steht die Geschichte / zum entknechteten Knecht“; hier entdeckt Tück einen Niederschlag der Benjamin-Lektüre Celans: „Eine Geschichte im Zeichen des Engels würde die Unterdrückten nicht mehr verraten oder zynisch als Dünger für den Fortschritt der Geschichte missbrauchen, sondern sie zu ihrem Recht kommen lassen.“ (70) Das ‚Entknechten des Knechtes‘ stellt der Celan-Kenner in den Kontext der biblischen Befreiung des Volkes Israel aus dem Sklavenhaus Ägypten, die im Zentrum der jüdischen Erinnerungskultur steht. So fokussiert er die welt- und geschichtszugewandten Seiten Celans und Benjamins, ihre Hinwendung zu den Unterdrückten und lässt einen Aufruf zum Widerstand gegen bestehendes Unrecht durchscheinen. In der Trauer um die Verlorenen wurzelt die Hoffnung auf eine Macht, die das Unwiderrufliche widerrufen könnte.

Unter den etwas schwächeren Kapiteln zur Musik (Olivier Messiaen, Anton Bruckner) und zur Bildenden Kunst (Michelangelo, James Turrell, Hieronimus Bosch u.a.) sticht die Betrachtung der Bruder-Klaus-Kapelle von Peter Zumthor bei Mechernich in der Eifel heraus, deren Innenraumabbildung mit hineinstrahlendem Licht das Cover des Buches schmückt. Das dem Mystiker Nikolaus von der Flüe gewidmete Bauwerk feiert die Alterität des Heiligen durch den kargen, nur nach oben geöffneten Raum. Der Künstler ließ Beton auf zeltförmig konstruierte Fichtenstämme auf eine Höhe von 12 Metern gießen, die dann ausgebrannt wurden (77). Dieser Prozess mag, so Tück, auf die transformative Kraft des Heiligen deuten, wie es im brennenden Dornbusch erschien. Auch die Form des Zeltes spreche eine alttestamentarische Sprache und erinnere an das mobile tabernaculum des Volkes Israel. Die Inkarnation aber sei die dichteste Form der „Einzeltung“ Gottes unter den Menschen. Nicht alle Miniaturen überzeugen so sehr wie diese und folgen nicht immer der dogmatischen Diät.

Exemplarisch und brillant eingelöst ist der Anspruch der „Minima“ in der Gegenüberstellung des Bedürfnisses nach göttlichem Strafgericht für schwere Verbrechen (Sybille Lewitscharoff) und der Vorstellung umfassender Vergebung (Charles Péguy), in der beide Positionen bestens verständlich werden und die so zur Urteilsenthaltung hinführt (195-202). Orthodoxe Behauptungen zu minimieren, davon überzeugt Tück, maximiert Theologie und Religionsvermittlung in ihrer Glaubwürdigkeit, die doch als Signum des Richtigen im Falschen verblieben ist.

Freiburg: Herder Verlag. 2025
216 Seiten m. s-w Abb.
18,00 €
ISBN 978-3-451-02427-6

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