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Jan-Heiner Tück, Uta Heil (Hg.): Nizäa – Das erste Konzil
Zunächst einmal ist bei diesem (Jubiläumsjahr-)Sammelband der Hinweis wichtig, dass das Glaubensbekenntnis von Nizäa die wesentliche Grundlage für das Konzil von Chalkedon liefert, dessen Glaubensbekenntnis das „einzige Glaubensbekenntnis ist, das von der römisch-katholischen, evangelischen und orthodoxen Christenheit gemeinsam geteilt wird“ (9).
Es gibt allerdings auch einen anderen wesentlichen Grund. Die mit dem Konzil von Nizäa erstmals explizit kirchlich-gemeinschaftlich formulierte Lehre, dass Jesus von Nazareth als der Christus wahrer Gott und wahrer Mensch sei, ist eine geistesgeschichtliche Zäsur. Auf der einen Seite wird die (auf den Mittelmeerraum bezogene) antike ontotheologische Selbstverständlichkeit, dass Gott leidensfrei sei, aufgehoben. Auf der anderen Seite trennt sich das Christentum erst mit diesem Entscheid von Nizäa zur Wesensgleichheit eindeutig vom Judentum, das den Logos als Mittlerfigur (Philon) und ebenso eine kommunikative Partnerschaftlichkeit von Gott und Mensch bis hin zu der Konzeption eines leidenden Messias kennt.
Johannes Hoff schreibt deshalb zu Recht über diesen „wohl einflussreichste(n) Text in der Christentumsgeschichte“ (Helmut Hoping, in diesem Band S. 228): „Die zentrale These meines nachfolgenden Diskussionsbeitrags lässt sich vor diesem Hintergrund wie folgt zusammenfassen: Das Konzil von Nizäa hatte den Charakter eines Wahrheitsereignisses, das das Christusereignis auf nicht-identische Weise wiederholte und so seinen Wesenskern freilegte“ (387). Entsprechend gibt es mit dieser Textvorlage nach Jan-Heiner Tück ein „doppeltes Kriterium für alle weitere Christologie“ (448). Er stellt fest, dass eine alleinige Rede von Jesus Christus als „sittlichem Vorbild, als Lehrer der Humanität oder Gleichnisse erzählendem Wanderrabbi“ auf der einen Seite oder als der abstrakte „präexistente Logos Gottes …, der von Ewigkeit her in das Mysterium des unbegreiflichen Gottes hineingehört“ (448), alle begriffliche Spannung und d. h. auch alle Spannung im gläubigen Begreifen von Jesus als den Christus einebnet und das christliche Zeugnis damit entschärft.
Der Sammelband enthält dankenswerterweise eine Vielzahl von Aufsätzen über unterschiedlichste Aspekte des Themas. Nicht nur für Spezialisten hochinteressant ist der einführende Artikel von Uta Heil über einen „Blick zurück in die Forschungsgeschichte“. Durch den Aufbau des Beitrags bekommt der Leser einen Einblick in die Differenziertheit der Themen, mit denen man konfrontiert wird, wenn man das Phänomen Nizäa näher ansieht. Dem schließt sich passenderweise ein Artikel von Hartmut Leppin über Constantin den Großen und Nizäa an, der den hohen Stellenwert eines kaiserlich einberufenen Konzils deutlich macht. „Bisher hatten die Christen über regionale Synoden, persönliche Kontakte von Reisenden und einen lebhaften Briefaustausch ein beachtliches Maß an Geschlossenheit erreicht …“ (87). Constantin ist es, der den Sprengstoff für das Reich und auch für die Christenheit in der arianischen Krise erkennt und handelt. Notwendig ist natürlich auch ein Artikel über die Theologie des Arius von Thomas Böhm, der kritisch auf die zu große Selbstverständlichkeit der These aufmerksam macht, dass Arius den Sohn als bloßes Geschöpf verstanden habe, weil vieles dafürspricht, dass seine Vorstellungen in den Kreisen seiner Schüler kontrovers diskutiert wurden (124f). Die Bedeutung des Konzils für die Konzilsväter zeigt sich, so der Aufsatz von Volker Henning Drecoll, unter anderem auch darin, dass der betreffende Text des Konzils „von den teilnehmenden Bischöfen einzeln unterzeichnet wurde – eine Neuerung in der Konzilsgeschichte …“ (139).
Im Blick auf die Begrenztheit dieser Rezension sei noch auf einige interessante Funde aufmerksam gemacht, auf die man bei der Lektüre dieses Sammelbandes stoßen kann. So etwa, dass es – wie Hieronymus erwähnt – „am Ende des vierten Jahrhunderts noch Juden gab – er nennt sie ‚Minäer‘ – die an Jesus als den von der Jungfrau Maria geborenen Gottessohn glaubten“ (Matthias Morgenstern, 194) und die zugleich Christen und Juden sein wollten und sich an der Tora orientierten. Bernd Oberdorfer macht darauf aufmerksam, dass die subordinatianische Versuchung auch in der modernen Theologie durchaus Bestand hat. Karl-Heinz Menke gibt den wichtigen Hinweis, dass die Rede von einer Hellenisierung des Christentums durch eine „griechische() Ontologie“ (365) aufgrund der „philosophischen“ Rede von der Wesensgleichheit (Homoousie) nicht sachgemäß sei. „Das Konzil von Nizäa hat die von den Evangelisten bezeugte Beziehung Jesu zu Gott-dem-Vater nicht hellenisiert, sondern umgekehrt: Es wollte dem neutestamentlichen Befund entsprechen und hat deshalb die Grundprämisse des griechischen Denkens geradezu in deren Gegenteil verkehrt“ (366).
Ich verzichte auf eine bloße Aufzählung aller in diesem außerordentlich gelungenen Sammelband enthaltenen Artikel. So facettenreich und bündig kann man sich selten über ein kirchengeschichtliches und dogmatisches Ereignis informieren.
Historische, theologische und ökumenische Perspektiven
Freiburg: Herder Verlag. 2025
480 Seiten
38,00 €
ISBN 978-3-451-38391-5
