
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Jannie Regnerus: Das Lamm. Roman
Es beginnt damit, dass der fünfjährige Joris Blut pinkelt, „das Zinnoberrot der altniederländischen Maler“. Diagnose: Nierenkrebs. Krebs – das „Fünfbuchstabenwort“. Wie aus diesem Befund und aus dem Alltag mit seinen Selbstverständlichkeiten, der plötzlich seine Sicherheiten verliert und fragwürdig wird, Literatur wird, verdeutlicht Janne Regnerus in ihrem Roman „Das Lamm“.
Es schaut den Betrachter bereits auf dem Titelbild mit dem intensiven Blick eines seiner Augen an, ein Strahlenkranz umgibt seinen Kopf. Es ist ein Detail des mystischen Agnus Dei aus dem berühmten Genter Altar des Jan van Eyck und das Zentrum einer paradiesischen Landschaft. Das Blut aus der Seitenwunde fließt in hohem Bogen in einen Messkelch, einzelne Tropfen fallen auf das weiße Altartuch. „Das Bluten scheint dem Lamm nichts auszumachen, es hat mit der Auferstehung begonnen, gestärkt durch den Segen, den es von der weißen Taube direkt über sich erhält.“ Joris und seine Mutter legen sich beim Besuch der St.-Bavo-Kathedrale belgische Pralinen wie Hostien auf die Zunge, schmecken das Bittere und das Süße. Der Roman endet mit dem Grinsen des schokoladenverschmierten Joris. Ob man dies als Zeichen der Hoffnung deuten kann und worauf sie sich richtet, auf die Heilung von der Krankheit oder auf eine Transzendenz, bleibt offen. „Rettung kommt von dem Lamm“, heißt es in der Offenbarung des Johannes.
Mit einem Lamm beginnt auch der Roman. Es ist ein totes Lamm auf einem Markt in Tunis, „auf einem Altar aus zusammengekehrtem Schmutz und Kartonfetzen“, die weit aufgerissenen Augen sind glanzlos, es ist die „erste Begegnung mit der Endlichkeit“. Der Gedanke an den Tod, den Moment des Sterbens erscheint der Mutter zu diesem Zeitpunkt noch Lichtjahre entfernt.
Mutter Clarissa – ihr Vorname erinnert an die Hl. Klara – und Joris stehen im Zentrum des Romans, der Vater wird nur kurz erwähnt. Joris, der Name deutet darauf hin, das ist auch Georg, der Drachentöter. Namen scheinen nicht willkürlich gewählt. Joris kämpft gegen den Krebs. Mit seinem Vater hat Joris Drachentöten gespielt, mit einem Holzschwert, der Vater spielte den verwundeten Drachen. Für den Schmerz, den er erleidet, gibt es kein Bezugssystem mehr. Die Mutter verliert ihren Blick für Schönheit, sieht nur noch Ende und keinen Anfang mehr. „Ihr Blick hakt sich an kaputten Dingen fest und macht sie noch toter, als sie ohnehin schon sind.“ Es geht aber auch um Bemühungen, Szenarien zu schaffen, die Beruhigung vermitteln sollen, um die Faszination, die sich einstellt, wenn Mutter und Sohn durch das Teleskop den Mond oder den Wetterhahn auf dem Kirchturm betrachten, dann wieder um die Qualen der Krebsbehandlung. Immer wieder verbindet die Autorin Joris‘ Krankheit mit religiösen Motiven. Joris sucht sich aus der Kinderbibel ausgerechnet die Passionsgeschichte aus. Der Strahlenkranz aus goldenen Haaren, den Clarissa morgens vom Kopfkissen des Sohnes aufsammelt, erinnert jenseits jeden Versuchs einer Gleichsetzung deutlich an den Strahlenkranz des göttlichen Lamms. Wie geht man als Mutter mit einem Kind um, das plötzlich Totenschädel zeichnet? Was kann Licht in die Dunkelheit bringen? Vielleicht sind es schon die Laternenfischchen, „die Glühwürmchen der Tiefsee“, die Clarissa und Joris offensichtlich als einzige in einem Aquarium des Zoos entdecken, orangefarbene Lichter in der Dunkelheit.
Meisterhaft versteht es die Autorin, Farben sprachlich einzufangen: Ausgelaufenes Benzin zaubert Perlmuttglanz auf die Oberfläche einer Pfütze, deren „Farben von Violett nach Blau und von Gelb nach Grün schillern“ wie an einem Taubenhals; die violetten und orangefarbenen Blätter der Leuchtrakete, die nach Abschluss von Joris´ Chemotherapie abgeschossen wird; die Farben des Himmels am Ostersonntag im Wald; die Vitalität der Farben, geradezu Farbexplosionen des Genter Altars: ultramarin, zinnoberrot und die Taube, in einem goldgelben Lichtschein gefangen, das göttliche Licht wie ein lumineszierender Regen.
Die Taube, die Clarissa und Joris mit dem Fahrrad überfahren wird und die an ihrem eigenen Blut zu ersticken scheint – „für so eine graue Kreatur würgt die Taube ein schönes, tiefes Scharlachrot hervor“ –, findet im Genter Altar ihre Antithese im Bild dieser göttlichen Taube. Der Blick des Betrachters des Altars wird von dem mystischen Lamm weitergeführt auf den achteckigen Lebensbrunnen: Hic est fons aqvae vitae procedens de sede dei + agni“ ist auf dem Brunnenrand zu lesen. Welch ein Kontrast zu dem Springbrunnen im Garten des Krankenhauses, dessen Bezeichnung als „Born des Lebens“ nur ironisch verstanden werden kann, fällt doch nur noch „ein armseliger Wasserstrahl auf ein Grüppchen von Plastikentchen“. Die Autorin erwähnt es nicht, aber die Inschrift auf dem Brunnen des Genter Altars könnte über den Text des Romans hinausweisen.
Aus dem Niederländischen von Ulrich Faure
Bonn: Weidle Verlag. 2023
108 Seiten
20,00 €
ISBN: 978-3-949441-06-6
