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Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks. Roman

Es ist eine Herausforderung, sich zu einem Roman zu äußern und dabei den interessantesten Moment der Handlung nicht zu benennen und zu deuten. Denn würde das geschehen, wären die Voraussetzungen für das erstmalige Lesen des Romans „Zwei Seiten eines Augenblicks“ von Jenny Valentine völlig andere. Ist es nicht die Aufgabe von Rezensionen, Neugierde bei Unentschlossenen zu wecken, und das Interesse, dieses Buch zu lesen, bei bereits aufmerksam Gewordenen oder Interessierten zu stärken oder auch zu stören? Wie verhält es sich jedoch, wenn die Geschichte einen derartigen Plot-Twist aufweist, der – wenn man sich von der mit Wucht herbeigeführten Erkenntnis, dass das Verständnis des Lesenden sich einer Perspektive auf die Darstellungen bedient hat, die vollständig zu überdenken ist, erholt hat – eigentlich fordert, zurückzublättern, um zu prüfen, ob diese Komposition der Handlung sich nicht bereits zuvor offenbart hat und ob es wirklich sein kann, dass die Erzählung mit der veränderten Perspektive inhaltlich funktioniert?

Was wie eine tragische Geschichte daherkommt und bisweilen Längen in den Beschreibungen von Beziehung und Freundschaft mit ihren Höhen und Tiefen aufweist, beinhaltet eine Fülle von bedenkenswerten Aussagen, die diverse Möglichkeiten zur Selbstreflexion anbieten. Sich über den Wert des Lebens klar zu sein und das Memento mori neben dem Carpe diem im Blick zu haben, ist wohl die wichtigste Aussageintention des Romans.

Der Augenblick eines Unfalls teilt die Geschichte der sehr innig miteinander verbundenen jungen Frauen Elk und Mab in zwei zeitliche Abschnitte: Zum einen stehen Episoden aus dem Leben der beiden und ihrer Familien vor dem Unfall im Mittelpunkt: Was bewegte sie, welche Leidenschaften hatten sie, wie war ihr Leben gestaltet und wie war es geprägt von Liebe und Verlust? Zum anderen bestimmen die Abläufe, die Gespräche, die Begegnungen der Romanfiguren nach dem Unfall und dessen Auswirkungen auf ihr Leben in loser Reihenfolge diesen Handlungsstrang; dabei werden auch Handlungsorte, die bereits vor dem Unfall eine Rolle spielten, wieder als Setting genutzt. So werden im Wechsel episodenhaft Ereignisse vor und nach dem Unfall berichtet – „Zwei Seiten eines Augenblicks“. Dabei besticht die Darstellung von tiefgründigen Gesprächen, die zeigen, wie wertvoll das Leben ist und wie unvorstellbar schnell das Ende kommen kann. Was hätte noch alles getan und erlebt werden können? Wie hätte man reden, lieben, verständnisvoll sein können? Was wurde versäumt? Wie hätte die Zukunft aussehen können? Die Geschichte der Liebe der einen zum Bruder der anderen durchzieht die Zeit bis zu dem tragischen Ereignis; die Erfüllung dieser Liebe ist nach dem Unfall nicht mehr möglich.

Jenny Valentine vermag es, in drastischer Weise eine der beiden Protagonistinnen, Mab, äußerlich darzustellen; dem gegenüber stehen sensible Dialoge und in empathischen Worten gestaltete Familienbeziehungsbeschreibungen. Beispielsweise wird die Liebe Elks zu ihrer an Demenz erkrankten Großmutter, die verstorben ist, sehr sensibel und anrührend dargeboten. Sehr authentisch und auch kontrastreich stehen diesen Beschreibungen die ruppigen Gespräche Elks mit ihrer Therapeutin gegenüber, aber auch mancher Dialog, den die beiden Freundinnen führen.

Die Charakterisierung des Romans mit den Worten „zu Tränen rührend, herzzerreißend“ – wie auf dem Klappentext zu lesen ist – vermag nicht die inhaltliche Tiefe, mit der die Protagonistinnen in ihrer Lebenswelt agierend dargestellt werden, gerecht zu werden. Der Roman ist empfehlenswert zum einen dadurch, dass er die Gegensätze zwischen den echten Gefühlen und den schroffen Dialogen und Beschreibungen des Äußeren durchgängig und konsequent pflegt. Zum anderen fordert er dadurch heraus, dass einem wahrscheinlich nichts anderes übrigbleibt, das Buch ein zweites Mal zu lesen ob der überraschenden Erkenntnis bezüglich der Protagonistinnen. Warum nicht?

Aus dem Englischen von Klaus Fritz
München: dtv Verlag. 2025
185 Seiten
16,00 €
ISBN 978-3-423-65046-5

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