Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jörg Ernesti: Der Vatikan. Geschichte, Verfassung, Politik

Im Frühjahr 2025 war es wieder zu erleben: Der Tod eines Papstes und die Wahl seines Nachfolgers sind globale Ereignisse. Sie bremsen die Tagespolitik, bringen Staatsoberhäupter und Regierungschefs zusammen und entflammen ein hohes Interesse an den Abläufen im Vatikan, an ihrer Symbolik und an ihrer Deutung. Hat der Papst auch nur wenig politische Macht, gilt er doch weit über den binnenkirchlich-katholischen Raum hinaus als Autorität. Der vorliegende Band hätte also zu keinem günstigeren Zeitpunkt erscheinen können – beabsichtigt oder nicht, das Timing von Autor und Verlag war perfekt.

Der Augsburger Kirchenhistoriker Jörg Ernesti beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Geschichte des Papsttums und der päpstlichen Diplomatie, vorwiegend im 20. Jahrhundert, und hat in der letzten Zeit einige Monographien zum Thema veröffentlicht; er ist also ein profunder Kenner der Materie und zudem aufgrund seines angenehm nüchternen Stils zweifellos der richtige Autor für einen solchen Band.

Dieser ist in zehn überschaubare Kapitel gegliedert, von denen die ersten drei einen dezidiert historischen Zugriff wählen und die Geschichte des Kirchenstaates vor 1870, die Phase des Papsttums ohne rechtlich geklärten Status nach der italienischen Staatsgründung (1870-1929) sowie die mit der faschistischen Regierung Benito Mussolinis geschlossenen Lateranverträge von 1929, behandeln. Die folgenden sechs Kapitel haben jeweils einen thematischen Fokus und stellen „Verfassung und Regierungssystem“, „Territorium und Staatsvolk“, die „Eigenheiten eines Mikrostaates“, „Das ungebändigte Finanzwesen“, „Die Mitarbeit in internationalen Organisationen“ sowie „Friedensvermittlung und humanitäre Aktivitäten“ dar. Abschließend evaluiert Ernesti „Chancen und Grenzen eines politischen Projekts“. Eine Zeittafel, knappe Literaturhinweise, Listen der Päpste und Kardinalstaatssekretäre seit 1929 sowie ein Personenregister runden den Band ab.

Ernesti bietet profundes Wissen: Wer die rund 120 Seiten gelesen hat, ist bestens gerüstet für die nächste Romreise oder Papstwahl. Wie der Staat der Vatikanstadt funktioniert und welche Eigenheiten er hat, wird hier hervorragend vermittelt. Freilich sind die Informationen – wie häufig in der Reihe C.H. Beck Wissen – sehr dicht, was die Lektüre auch dieses Bandes bisweilen etwas anstrengend macht. Ernesti setzt bei seiner Leserschaft durchaus Grundwissen über den römischen Katholizismus und die Geschichte Roms voraus – oder zumindest die Bereitschaft, sich fehlendes Wissen aus anderen Quellen anzueignen.

Einem katholischen Kirchenhistoriker könnte man bei oberflächlicher Betrachtung durchaus eine „parteiische“, also betont vatikanfreundliche Darstellung unterstellen; der Schlusssatz des Buches mag diese Vermutung auf den ersten Blick nähren, da Ernesti hier den Vatikanstaat als praktische Umsetzung der katholischen Soziallehre bezeichnet. Doch Ernesti weiß sehr wohl die wissenschaftliche Distanz zu seinem Gegenstand zu wahren und benennt kritikwürdige Aspekte (u.a. zum Finanzgebaren der vergangenen Jahrzehnte) mit aller wünschenswerten Klarheit. Insofern bietet das vorliegende Buch durchaus detailliertes Überblickswissen, das allen gute Dienste leisten wird, die in Schule, Pastoral oder Erwachsenenbildung das Wissen über den Vatikan verfügbar haben müssen.

C.H. Beck Wissen
München: Verlag C.H. Beck. 2025
128 Seiten m. s-w Abb.
12,00 €
ISBN 978-3-406-82930-7

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