Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Johann Baptist Metz: Zeit der Orden?

Zur Mystik und Politik der Nachfolge

Papst Franziskus hat für das Jahr 2015 ein „Jahr des geweihten Lebens“ ausgerufen, das nicht nur für Ordensangehörige, sondern für die ganze Kirche ein Jahr der Reflexion, der dankbaren Erinnerung, der geistlichen Erneuerung und der hoffnungsvollen Ausschau werden soll.

Man könnte also meinen, das vorliegende Buch sei aus diesem Anlass geschrieben worden. Umso überraschter ist man, wenn man entdeckt, dass es bereits vor fast 40 Jahren verfasst wurde und nun in einer siebten, unveränderten Neuausgabe erschienen ist. Wie ist das zu erklären? Hat sich in den vergangenen vier Jahrzehnten nichts verändert? Oder ist die Publikation von einer solchen prophetischen Größe, dass sie bis dato nichts an Aktualität verloren hat? Ist erst jetzt die Zeit der Orden gekommen?

Das schmale Büchlein, das gerade mal 90 Seiten umfasst, hat es in sich. Fern einer rituellen Krisenrede öffnet es ungewohnte Fragehorizonte und Perspektiven, die zum Mit- und Weiterdenken, in erster Linie aber zum Umdenken einladen. Die Untersuchung ist in vier Kapitel gegliedert, welche die kirchliche Situation von heute kritisch beleuchten und mit spirituell-sozialen Imperativen zu einem notwendigen Erneuerungsprozess aufrufen. Zunächst nimmt Johann Baptist Metz, der selbst kein Ordenschrist ist, eine allgemeine Analyse vor, indem er nach der funktionalen Bestimmung, der formalen und inhaltlichen Wesensbestimmung der Orden und ihrem Verhältnis zur Großkirche fragt und Konsequenzen formuliert. Was Metz Ende der 1970er Jahre noch warnend und bedenkend formuliert, ist heute bereits vielerorts bedrückende, auch ambivalente Realität geworden: zermürbende Strukturdebatten, Schwinden von religiösem Wissen und Zugehörigkeit, „geistiger Gefrierschlaf“, Sinnkrise, Flucht in die Idylle. Gerade hier sieht Metz die Aufgabe der Orden, wegen der Radikalität und Kompromisslosigkeit ihrer Lebensform, zu innerkirchlichen „Schocktherapeuten“ zu werden. Die Stunde der Nachfolge sei die Stunde der Orden, da sie leidenschaftlich ansichtig machen könnten, was Christsein bedeute. Wenn dies von den Orden authentisch gelebt und bezeugt würde, wären sie auch in der Lage, ihre eigene Krise zu überwinden, die Metz weniger in einer Nachwuchskrise sieht, sondern primär als eine Funktionskrise ausmacht, die durch das Fehlen spezifischer, nicht übertragbarer Aufgaben in der Kirche entstanden sei. 

Aus dieser Sicht betrachtet Metz im zweiten Kapitel das Nachfolgethema von seiner fundamentalen Bedeutung und seinem geistlichen Rang her. Im Rückgriff auf das Dokument „Unsere Hoffnung“ der Würzburger Synode von 1976, auf dessen Synodentext sich Metz fortlaufend bezieht, zeigt er auf, dass die religiöse Krisensituation maßgeblich in einer religiösen Identitätskrise sichtbar wird. Daher lautet sein Grundimperativ, dass die Kirche wieder entschieden zu einer Kirche der Nachfolge werden müsse. Wie das eingeübt werden kann, entfaltet Metz im dritten Kapitel anhand der prophetischen Kraft der evangelischen Räte (Armut, Ehelosigkeit, Gehorsam). Nachfolge habe stets eine mystische und politische (d.h. situative) Komponente, weil sie „Christus anzieht“. 

Im letzten Kapitel weist Metz erneut auf die Notwendigkeit eines „apokalyptischen Schocks“ hin, der von der radikalen Hoffnungsexistenz der Orden vorgelebt werden könnte – und zwar als Weg gelebter Hoffnung, der über das innerweltliche Heilsziel hinausweise und das Gesetz aller kirchlichen Erneuerung ausmache. Metz stellt klar heraus, dass es nicht die Aufgabe der Orden sei, die übrigen Christen von der Radikalität des Christseins zu entlasten, sondern vielmehr, die ganze Kirche auf den Anspruch ihres Credo (neu) zu verpflichten. 

Das Buch endet mit zusammenfassenden Fragen und Thesen, die zu einer weiterführenden Diskussion einladen. Hier zeigt sich erneut das enorme Potential, das in den Gedanken und Appellen liegt, die pointiert und faszinierend zugleich sind: Sie rütteln auf und konkretisieren Probleme und Herausforderungen von einer anderen, ungewohnten Perspektive aus. Was idealistisch und in manchen Formulierungen auch pathetisch oder einseitig klingen mag, erweist sich jedoch als reale und ernst zu nehmende Anliegen und Fragen (z.B. „Hängt die Austrittsbewegung nicht mit der verlorenen Radikalität der Orden zusammen?“)

Es wäre spannend und lohnenswert, das vorliegende Buch und das Apostolische Schreiben von Papst Franziskus zum „Jahr des geweihten Lebens“ einmal parallel zu lesen und differenziert zu diskutieren – auch im Sinne einer Gewissenserforschung und Reflexion der eigenen (Ordens-)Existenz. Es könnten sich daraus fruchtbare Impulse ergeben, die jeden Christen zu einem prophetischen Leben und Handeln ermutigen – ganz im Sinne von Papst Franziskus: „Euer Leben ist es, das sprechen muss – ein Leben, das die Freude und die Schönheit, Christus nachzufolgen, zum Ausdruck bringt.“
 

topos taschenbücher, Band 886 (Neuausgabe)
Kevelaer: Verlagsgemeinschaft topos plus. 2014
91 Seiten
8,95 €
ISBN 978-3-8367-0886-9
 

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