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Johanna Haberer: Bibel
Auf genau 100 Seiten bietet Johanna Haberer eine knappe und gut verständliche Einführung in zentrale biblische Themen, von denen einige bereits auf dem Cover aufgeführt sind. Das Büchlein ist in zehn Kapitel gegliedert; im Anhang befinden sich Lektüre-, Hör-, Film- bzw. Serientipps sowie eine gedichtartige Aufstellung der einzelnen Bücher der Bibel.
Im ersten Kapitel beschreibt die evangelische Theologin und Journalistin die Entstehung der Bibel als Schriftensammlung, wobei sie die „menschliche Lesart“ und die große Bedeutung der biblischen Schriften für die kulturelle Vielfalt und das Zusammenleben hervorhebt. Eine Grafik mit einem Zeitstrahl zur Entstehung der biblischen Bücher rundet das Kapitel auf anschauliche Weise ab. Im nächsten Kapitel betont die Verfasserin die Unverfügbarkeit Gottes – sowohl hinsichtlich des Namens als auch in Bezug auf Bilder oder Definitionen. Sie resümiert, „dass Gott sich letztlich jedem Versuch entzieht, ihn oder sie oder es zu fassen“ (24). Anschließend geht sie auf das biblische Bild vom Menschen ein: Neben der Bezeichnung des menschlichen Lebens als „Geschenk und Aufgabe in einem“ (31) stellt sie den Menschen als ein Beziehungswesen vor, das sich in Freiheit entscheiden könne und müsse, sich ändern und neu ausrichten könne. Das vierte Kapitel handelt vom Heiligen Geist: Ausgehend vom biblischen Zeugnis über diese von Gott geschenkte, lebendigmachende Kraft beschreibt Haberer Geistmomente, die das individuelle Leben und das Zusammenleben der Menschheit erleuchten können.
Das fünfte Kapitel greift die in der Bibel an vielen Stellen präsente Frage nach Macht und Hierarchie und damit einhergehend nach Recht und Gerechtigkeit auf. Eine Grenze bzw. einen Rahmen dafür bildeten – so Haberer – die zehn Gebote, die den Umgang mit Gott regeln und Weisungen für das zwischenmenschliche Miteinander geben. Die Verfasserin geht in diesem Kontext auch auf die machtkritische Institution der Propheten, die Figur des namenlosen Gottesknechts sowie den historischen Jesus ein, den sie als einen „Prediger des Friedens und der Gewaltlosigkeit“ (58) aufzeigt.
In zwei kürzeren Kapiteln verdeutlicht sie einerseits den nomadischen Charakter des Volkes Israel, wobei sie herausstellt, dass das Motiv des Unterwegsseins die ganze Bibel durchziehe. Andererseits arbeitet Haberer das entschiedene Eintreten für Arme, Benachteiligte, Leidende und Kleine in biblischen Erzählungen heraus. Das längere achte Kapitel behandelt das biblische Verständnis von Liebe und Sexualität, das sich durch Vielschichtigkeit, Nüchternheit und Vorurteilsfreiheit auszeichne. Haberer räumt mit Sodomie und Onanie zwei Missverständnisse über sexuelle Handlungen aus, die – ausgehend von biblischen Erzählungen – Teil unserer Sprache und unseres Denkens geworden sind, indem sie den historischen und kulturellen Hintergrund dieser aus männlicher Perspektive formulierten Erzählungen erklärt. Zuletzt behandelt sie das Hohe Lied sowie das paulinische Verständnis von Liebe.
Anschließend stehen biblische Auffassungen vom Tod im Fokus: Die Verfasserin beginnt mit der Vorstellung der Scheol, einer Art Unterwelt, bevor sie die in den späteren Schriften des Alten Testaments aufkommende Idee von einer Existenz nach dem Tod und von einer Auferstehung entfaltet. Im Blick auf das Neue Testament hebt sie hervor, es spreche nicht von „einer buchstäblichen Auferstehung der Leichen […], sondern davon, dass dem Tod ‚die Macht‘ genommen wird“ (85). Jesu Kreuzestod werde für Gläubige zum Zeichen des Mitleidens und der Solidarität Gottes mit allen Leidenden.
Im letzten Kapitel rückt Haberer Wörter wie „Seele“, „Barmherzigkeit“ oder „Gnade“ ins Zentrum, die in der heutigen Alltagssprache selten vorkommen. Die Begriffe seien Teil der Bibel, weil sie eine über die Gegenseitigkeit als Strategie des sozialen Verhaltens hinausgehende Lebenshaltung darlegten. Ein solch großherziges Verhalten, das keine Gegenleistung erwartet, kennzeichne Jesus, der Beziehungen auf Augenhöhe, Gleichheit aller Menschen und das Prinzip des Ausgleichs fordere. Anhand konkreter Ereignisse und Personen unterstreicht Haberer, dass für ein friedvolles Zusammenleben Gesten des Überflusses nötig seien: „Gesten der Reue, der Vergebung, der Barmherzigkeit und der Gnade“ (95). Am Ende des Büchleins steht der Begriff „Frieden“: Frieden ruhe – so Haberer – „auf den friedensstiftenden Potentialen der Menschen, Völker und Religionen“ (100), die aus einem „Überschuss an Zuwendung“ (100) erwachsen könnten.
Johanna Haberer eröffnet mit ihrem Büchlein einen guten Einblick in biblische Themen – damit ist es für alle Interessierten geeignet, die ihr Wissen erweitern möchten. Gewinnbringend ist, dass Lesende ein Gefühl für die Sprache der Bibel erhalten, weil die Verfasserin ihre Ausführungen an vielen Stellen mit entsprechenden Texten aus dem Alten und Neuen Testament verstärkt.
100 Seiten
Stuttgart: Reclam Verlag. 2025
105 Seiten m. farb. Abb.
12,00 €
ISBN 978-3-15-020719-2
