
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Jon Fosse: Ich ist ein Anderer. Heptalogie III – V. Roman
Jon Fosses Schreibstil gleicht perpetuierenden Gedankengängen, in die er seine Leser hineinzieht. Daher fehlen in seinem Buch die das Satzende markierenden Interpunktionen. Hinsichtlich seiner Heptalogie lässt sich im klassischen Sinne nicht von einer Romanhandlung sprechen, sondern eher von einer Erzählerbiographie, deren Puzzleteile sich nach und nach zusammenfügen. Die Gedankengänge des Ich-Erzählers Asle springen zwischen Gegenwart und Vergangenem, der lineare Zeitfluss ist aufgehoben. Lebende wie verstorbene Wegbegleiter treten in verwirrender Weise gleichzeitig auf und reihen sich in das Personenkarussell seines Denkens. Zudem wird beim Lesen nicht ganz klar, ob es sich bei dem Ich-Erzähler Asle und seinem Freund gleichen Namens, einem Maler wie er, um sein Alter Ego oder ihn selbst handelt. Der „andere Asle" beschäftigt lebensgeschichtlich den Ich-Erzähler, er tritt neben ihn, wenn er dessen Alkoholsucht beschreibt und zugleich angibt, die eigene Suchterkrankung überwunden zu haben. So trägt die dritte bis fünfte Folge seiner Romanreihe den kryptischen Titel: „Ich ist ein anderer". Erzählt werden die Erinnerungen an die Jugend- und Ausbildungszeit der beiden Asles an der Kunstakademie, ihre Heirat zu Studienzeiten, erste berufliche Erfolge bis hin zum gesundheitlichen Absturz des alkoholkranken Malerfreundes.
Interessanterweise fädelt der Autor in die Gedankengänge seines Ich-Erzählers eine weitere Ebene. Asles fortlaufende Denkketten werden unterbrochen, wenn er in bestimmten Lebenssituationen betet. Dann tritt der Erzähler aus der Selbstreflexion in die Anrede seines imaginierten Gegenübers, der größer ist als sein Denkvermögen und den er dennoch anspricht. Asle bedient sich bei der Gottesanrede tradierter Gebete, sei es das Vaterunser, Salve Regina oder den Rosenkranz, und übersetzt sie zugleich in die Kirchensprache Latein. Dem Autor scheint daran gelegen, die sakrale Sprache von der Alltagsrede zu unterscheiden und deren zeitlose Gültigkeit zu betonen. In dem performativen Sprechakt auf das „Du“ Gottes bezogen, begreift der Erzähler die Entgrenzung seines Ichs. Zudem bezeugt er die beruhigende Kraft des gleichförmigen Sprechens. Das Fürbittgebet wie z.B. für die Heilung seines alkoholkranken Freundes betrachtet Asle als wahre und angemessene Rede. Die Gebete entfalten in der Übermittlung des Ich-Erzählers auch ihre Kraft auf den Leser, da sie aus dessen nachvollzogenem Gedankenfluss herausfallen. Asle bezieht sich, sofern er mit seinem Nachbar von Gott redet, auf den hebräischen Gottesnamen Jahwe: „Ich bin, der da ist ". Gottes Selbstmitteilung in dem Satznamen ist die des stets Gegenwärtigen. Über den Höchsten zu reden gestattet der Autor seinem Erzähler, insofern Gott sich dem Menschen wie u. a. dem Moses offenbart hat. Dass Gott nicht zu fassen ist, spiegelt sich in der Wortsuche Asles; er verwahrt sich gegen die besitzanzeigende sowie fixierende Formulierung: Es gibt Gott. Asle sieht sich beeinflusst von der mystischen Theologie Meister Eckarts.
Fosses Heptalogie ist das fortwährende gedankliche Umkreisen dessen, was unsichtbar hinter dem Gewebe des Sichtbaren ist. Daher lässt der Autor seinen Ich-Erzähler Maler sein, der in seinen Bildern das Licht, die Wirkung des Lichts in dem Dargestellten einzufangen sucht. Nur die Gemälde betrachtet er als gelungen, in denen hinter dem Sichtbaren verborgenes Leuchten aufscheint. Das Gemälde, das der Autor immer wieder in die Betrachtung des Künstlers Asle rückt, zeigt zwei sich diagonal kreuzende Linien in den Farben Braun und Violett. Bei kritischer Betrachtung kommt Asle zur Ansicht, dass dieses Bild der sich kreuzenden Linien auf weißer Leinwand, die sein Nachbar als Andreaskreuz bezeichnet, ein abgeschlossenes Werk ist. In dem verschmelzenden Punkt zwischen Violett und Braun sieht Asle jenes stets gesuchte Leuchten eingefangen. Das erdige Braun und die Passionsfarbe Violett, gemischt aus Azurblau und Blutrot, symbolisieren für den Maler den Schmelzpunkt menschlicher Existenz zwischen Erdhaftung und Entgrenzung. Im Kreuz ist das Zentrum von Tod und Auferstehung, Verlöschen und transzendentem Leuchten. Für Fosse bricht in das Leben seiner Erzählfigur, in dessen angenommenes und durchgestandenes Leben gnandenhaft unverfügtes Licht. Dass dieses Licht existiert und geheimnisvoller Hintergrund von Allem ist, erkennt der Künstler Asle im Akt des Sehens bei seiner Suche nach Bildmotiven.
Jon Fosses Heptalogie ist eine Passions- und Auferstehungserzählung. Die Romanfolge übermittelt in ungewohnt literarischer Form den Gedankenfluss seiner Erzählfigur in rückhaltloser Selbstmitteilung, die religiöse Rede nicht scheut. Fosse konfrontiert seine Leser mit seinem persönlichen Glaubensbekenntnis und fordert sie somit zu innerer Stellungnahme heraus. Ein großartiger Autor, ein Prophet des geheimnisvoll Jenseitigen auch in dieser Zeit.
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Hamburg: Rowohlt Verlag. 3. Aufl. 2024
367 Seiten
32,00 €
ISBN 978-3-498-02142-9
