
Bestellen
auf Buch7.de - sozialer Buchhandel
Jonathan Haidt: Generation Angst
Wer – wie der Rezensent – in den letzten Jahren die Hoffnung hegte, dass das großartige Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“ von Neil Postman eine Fortsetzung finden würde, die das Aufkommen und die Nutzung sogenannter Sozialer Medien thematisiert, sieht seine Erwartungen vielleicht ansatzweise in dem New-York-Times- und Spiegel-Bestseller „Generation Angst“ erfüllt. Der Autor, Jonathan Haidt, ist im Unterschied zu Postman kein Medientheoretiker, sondern Professor für Sozialpsychologie. Ihm ist es gelungen, auf der Grundlage einer überwältigenden Menge an Datenmaterial nur schwerlich als zufällige Korrelationen einzuordnende Befunde in einen Erklärungszusammenhang zu bringen, der auf der Basis sorgfältiger Analysen des Forschers und seines Teams ein hohes Maß an Plausibilität bietet und den verwunderten Leser sich fragen lässt, warum in Deutschland im Gegensatz zu Ländern wie Frankreich oder Australien die von Sozialen Medien für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgehenden Gefahren weiterhin verharmlost werden.
Der Rezensent befürchtet, dass das im internationalen Vergleich beträchtliche Ausmaß an infrastrukturellen und bürokratischen Defiziten bei der Digitalisierung von Behörden und Unternehmen durch ein Ignorieren pädagogischer Bedenken und einen Overkill an technischen Geräten für die Schulen kompensiert und das schlechte Gewissen der für den desolaten baulichen Zustand sowie die mangelhafte Personalausstattung der Schulen Verantwortlichen durch die Zuweisung digitaler Ressourcen in schwindelerregender Höhe gestillt werden soll.
Jonathan Haidt gewinnt die Sympathien der Leser seines im populärwissenschaftlichen Stil gehaltenen Buches, indem er viele Details und Anekdoten aus seinem Leben als Familienvater einfließen lässt und sich zum Beispiel auch zu eigenen Fehlern in der Vergangenheit bekennt („Meine Frau und ich benutzten die Teletubbies, um unsere Kinder zu ‚hypnotisieren‘ und zu beruhigen.“), indem er das seinen Schlussfolgerungen zugrundeliegende Datenmaterial sehr vorsichtig und abwägend interpretiert und dennoch das immense Potential, das die Digitalisierung, insbesondere das Internet, aber auch Videospiele für das pädagogische Handeln in Schule und Bildung mit sich bringen, nicht in Abrede stellt. Gleichzeitig betont der an der New York University lehrende Professor, dass die Forschungen in dem von ihm untersuchten Gebiet noch lange nicht abgeschlossen sind.
Interessanterweise beschreiten diejenigen, die als die innovativsten Protagonisten der Digitalisierung gelten, im Hinblick auf ihre eigenen Kinder den vorsichtigsten Weg im Umgang mit digitalen Geräten: „Der Wert einer smartphonefreien, ja sogar bildschirmfreien Bildung zeigt sich in der Wahl der Schulen, auf die viele Tech-CEOs ihre eigenen Kinder schicken, darunter die Waldorf School of the Peninsula im Silicon Valley, in der alle digitalen Geräte – Smartphones, Laptops, Tablets – verboten sind. Das steht in starkem Kontrast zu vielen öffentlichen Schulen, die oftmals Eins-zu-eins-Technologieprogramme vorantreiben, damit jedes Kind ein eigenes Gerät erhält.“
Der Autor selbst geht mit seinen Forderungen und Empfehlungen nicht so weit. Er plädiert unter anderem dafür, dass Schulen smartphonefrei sein sollten, dass Mädchen und insbesondere Jungen wieder mehr Kontakt zur realen Welt und die Möglichkeit erhalten sollten, unbeaufsichtigt im Freien spielen zu dürfen, dass die Bildschirmnutzung für Unter-Sechsjährige auf „die Interaktion mit Familienmitgliedern via FaceTime, Zoom oder andere Video-Plattformen“ beschränkt werden sollte, dass Social-Media-Accounts erst für Sechzehnjährige verfügbar sein sollten und dass die Pausenzeiten an den Schulen ausgeweitet werden sollten.
Wie gelangt der Autor zu diesen und vielen anderen Empfehlungen, die er im IV. Teil seines Buches unter dem Titel „Gemeinsam für eine gesündere Kindheit“ ausführlich erläutert? Die statistisch belegte massive Zunahme von Symptomen wie Angststörungen, Depressionen, suizidalem Verhalten und anderen individuellen sowie sozialen Störungen bei den Angehörigen der Generation Z bringt der Autor mit dem Sachverhalt in einen Zusammenhang, „dass das iPhone im Juni 2010 eingeführt wurde. Es war das erste Smartphone mit einer Frontkamera, was es viel einfacher machte, Selfies, also Fotos und Videos von sich selbst, aufzunehmen. […] In diesem Jahr wurde zudem mit Instagram eine App geschaffen, die nur auf Smartphones lief.“
Minutiös legt der Sozialpsychologe die Auswirkungen exzessiver Nutzung Sozialer Medien auf die Seelen junger Menschen dar und macht dem Leser dadurch die „zentrale These“ des Buches deutlich, „dass diese beiden Trends – Überbehütung in der wirklichen Welt und Unterbehütung in der virtuellen Welt – die Hauptursachen dafür sind, dass nach 1995 geborene Kinder zur ‚ängstlichen Generation‘ wurden.“
Denjenigen Lesern, die nicht der Generation Z, sondern einer älteren angehören und nach Erklärungen für Verhaltensänderungen bei sich selbst und ihrem ebenfalls im höheren Alter befindlichen Umfeld suchen, sei dringend die Lektüre des 8. Kapitels „Gewinn und Verlust an Spiritualität“ empfohlen. In ihm wird überzeugend begründet, warum das „smartphonebasierte Leben“ eine Auflösung von Zeit, Raum, Mitgefühl, eine „spirituelle Degradierung, nicht nur bei Heranwachsenden, sondern bei uns allen“ nach sich zieht.
Wie wir unsere Kinder an die virtuelle Welt verlieren und ihre psychische Gesundheit aufs Spiel setzen
Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Jorunn Wissmann
Hamburg: Rowohlt Verlag. 42024
445 Seiten m. s-w Abb.
26,00 €
ISBN 978-3-498-02837-7
