Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Josef Kraus: Im Rausch der Dekadenz. Der Westen am Scheideweg

Bestseller-Autor Josef Kraus, Gymnasiallehrer, Psychologe, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbandes, ist einer größeren Öffentlichkeit als Schöpfer des Begriffs „Helikopter-Eltern“ bekannt geworden. Äußerte er sich in den ersten Jahren nach seiner Pensionierung als Oberstudiendirektor eines bayerischen Gymnasiums vornehmlich zu Bildungsfragen, so hat er sich mittlerweile ein Expertenwissen erworben, das ihn dazu befähigt, auch zu gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, verteidigungs- und allgemeinpolitischen Fragen dezidiert und kompetent Stellung zu nehmen. In seinem jüngsten Werk schlägt sich seine Belesenheit und Kenntnis der westlichen (Geistes-)geschichte in über 300 Fußnoten nieder, die sich auf Denker wie zum Beispiel Oswald Spengler, Arnold Gehlen, Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Heinrich August Winkler, Samuel Huntington, Udo di Fabio und Matthias Brodkorb beziehen, ohne dabei deren Antipoden zu vernachlässigen. Letzteres gilt etwa für den neben Max Horkheimer wichtigsten Protagonisten der Frankfurter Schule: „Kein Geringerer als Theodor Adorno meinte 1949: Der Gang der Weltgeschichte gebe Spengler in einem Maße recht, das erstaunen müsse. […] Adorno sorgte sich jedenfalls auch um den ‚Verfall von Bildung, Sitten, des Individualismus, der Familie, der Philosophie‘, vor allem den Verfall der Kultur zur Kulturindustrie und zur ‚kalkulierten Idiotie‘.“

Eine weitere Möglichkeit, das Buch „Im Rausch der Dekadenz“ mit einem prominenten Autoren zu verknüpfen, besteht in einem Vergleich mit dem an diesem Ort vor zwei Jahren vom Rezensenten besprochenen Werk Tom Hollands „Herrschaft. Die Entstehung des Westens“. Dessen „Zielsetzung“ besteht darin, „herauszufinden, wie es dazu kam, dass wir im Westen wurden, was wir sind“. Kraus‘ Intention wäre dagegen diejenige, herauszufinden, was passieren könnte, dass wir im Westen nicht mehr das sind, was wir einmal gewesen sind. Ist es Zufall, dass das letzte Kapitel in Hollands opus magnum die Überschrift „Woke“ trägt? Während Holland diesen Begriff positiv interpretiert, sieht Kraus in dem von diesem bezeichneten Sachverhalt eher eine Dekadenzerscheinung, kristallisieren sich in ihm doch Entwicklungen wie „Nachlassen der Verteidigungsbereitschaft, Selbstzweifel bis hin zu Schuldneurosen, Deindustrialisierung, nihilistische ‚Moral‘, Toleranzdelirium“ u.v.a.m. heraus.

raus gibt seinen Überlegungen eine klare Gliederung. Im ersten Teil, den „Historische[n] Verortungen“, betreibt er selbstkritisch und abwägend eine „Dekadenz-Diagnostik“ und bettet das Thema in einen größeren geschichtsphilosophischen Kontext ein. Im zweiten Teil erörtert er u.a. Bedrohungen der Demokratie, den „EU- und Weltstaat-Hype“, „Un-Bildung und Halb-Bildung“ an Schulen und Universitäten und die selbstgewählte Rolle der „Kirchen als NGO-Ersatzreligionen“. In einem dritten Teil werden Ideologien wie der „Machbarkeitswahn“, „naive[r] Pazifismus“ und „Wokismus“ beschrieben und kritisiert. Ein Blick in andere westliche Länder (USA, Großbritannien, Frankreich) liefert konkretes Anschauungsmaterial über Deutschland hinaus. Im Plädoyer des letzten Teils und im Nachwort betont Kraus, dass der Niedergang des Westens kein unausweichliches Schicksal darstellt, dass eine Leitkultur der „Bürgerlichkeit“ ebenso wie die Prinzipien der Aufklärung, des radikalen Skeptizismus, der Selbstkritik und Selbstreflexion Instrumente der „Resilienz“ gegenüber „toxischen Bedrohungen, die von außen und aus dem Inneren kommen“, bieten.

Josef Kraus argumentiert pointiert und scharf, die ihm eigene Polemik kennzeichnet auch dieses Buch. Für den Fall, dass es ins Englische übersetzt und in Lehrveranstaltungen amerikanischer Universitäten gelesen wird, muss man es wohl mit einer Trigger-Warnung versehen.

München: Langen Müller Verlag. 2024
336 Seiten
24,00
ISBN 978-3-7844-3724-8

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