Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Judith König: Die basileia tou theou im Markusevangelium

Die Reich-Gottes-Verkündigung Jesu stellt unbestritten die Mitte von Jesu Verkündigung und Wirken dar. Entsprechend umfangreich ist ihre Forschungsgeschichte. Vorliegende Monographie, die 2022 an der Universität Regensburg als Dissertationsschrift angenommen und für die Publikation leicht überarbeitet wurde, bedarf daher einer guten Begründung.

Für Judith König liegt sie in der Verbindung von narratologischer Analyse und einer Hermeneutik der Körperlichkeit. Beide sind inzwischen in der atl. wie in der ntl. Exegese etablierte Zugänge, die der Literarizität und Vorstellungswelt der biblischen Schriften zweifellos entsprechen. Mit bemerkenswerter Souveränität skizziert die Autorin einführend die narratologisch-theologische Erforschung der Evangelien, den exegetischen Befund zum „Reich Gottes“ im MkEv und die „Körperlichkeit“ als hermeneutische Zugangsperspektive. Für ein Verständnis von Körperlichkeit, das hermeneutische Leitlinie und Orientierung für die narratologische Exegese sein kann, hält König drei Elemente für zentral: (1) die sinnliche Wahrnehmbarkeit eines Dinges oder einer Person, (2) deren Abgrenzbarkeit gegenüber der Körperumgebung und (3) deren Beziehung zu Raum und Zeit (62). Im Diskurs mit den Phänomenologen M. Merleau-Ponty, H. Schmitz und der Disability-Forscherin S. Betcher unterscheidet sie „Körperlichkeit“ von „Leiblichkeit“, sofern sich Letztere nur auf Lebendiges bezieht, die Körperlichkeit des toten Jesus also nicht erfasst. In der Textauswahl orientiert sich König an dem Vorhandensein des Ausdrucks basileia tou theou („Königreich/Königtum Gottes“). Andere Perikopen werden damit zwar nicht ausgeschlossen, wenn intratextuelle Bezüge vorliegen, doch wird auf eine eigene Analyse der Wundererzählungen mit Hinweis auf ein laufendes Forschungsprojekt zu Körperkonzeptionen in mk Heilungsgeschichten verzichtet.

Gleich zu Beginn seines Auftretens stellt der mk Jesus das Reich Gottes in das Zentrum seiner Verkündigung (Mk 1,14f.). Nicht er, sondern Gott bildet Mitte und Inhalt der Frohen Botschaft. Gottes basileia ist nahe gerückt, Gott ist Bezugspunkt der „Umkehr“, die zu einem Weggehen und Umwenden führt, also körperliche Veränderungen intendiert (109). Dennoch stehen Gott und Jesus in enger Verbindung, wie nicht zuletzt die Gleichnisrede Jesu und ihre Beschreibung als Kundgabe des „Geheimnisses vom Reich Gottes“ (Mk 4,11) anzeigen. Einerseits nämlich ist Gott der Handlungssouverän, der im Sämanngleichnis ein apokalyptisches Geschehen von Missernten und überreicher Ernte in Gang setzt und verantwortet. Andererseits ist Jesus Erzähler und Identifikationsfigur, der das „Geheimnis“ der basileia selbst repräsentiert (145). Den Aspekt der Leiblichkeit verbindet die Autorin besonders mit den Adressaten der jesuanischen Gleichnisrede. Die visuelle Bildlichkeit des Gleichnisses, die betonte Aufforderung „Höret!“ und das von Jes 6,9 entlehnte Verstockungswort Mk 4,12 prononcieren die Bedeutung sinnlicher Wahrnehmung für die Aufnahme des „Geheimnisses“. Dieses wie die übrigen Gleichnisse in Mk 4 mit ihrer komplexen Metaphorik und dynamischen Zeit-Raum-Struktur fordern zu einer veränderten Wahrnehmung und Auseinandersetzung auf, zu einem „Tiefer-Sehen und Zusammen-Hören“ (166). Doch ist nicht nur die Wahrnehmung körperlich, sondern auch die Präsenz und Erscheinung des Gottesreiches (372f.). Für die Erzählfiguren wird das Reich Gottes in der Körperlichkeit Jesu transparent. Mk 8,34-9,1 und 10,13-16 handeln vom Sehen und der Annahme der basileia, was das konkrete körperliche In-die Hand-Nehmen einschließt (vgl. Mk 10,13: „Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie berühre.“). Die Körperlichkeit Jesu als Voraussetzung für die Präsenz des Gottesreiches zeigt sich auch in der Erzählung vom letzten Abendmahl Mk 14,17-25. Die Aufforderung Jesu zum Nehmen und Essen des Brotes und damit seines Körpers sowie die Ankündigung eines Trinkens in der basileia verlängern die Körperlichkeit Jesu über die räumlich-zeitliche Verortung der Erzählung hinaus (325). In seinem toten und bestatteten Leichnam bleibt Jesus körperlich präsent. Josef von Arimathäa „nimmt die basileia an“ (prosdechomenos), indem er Jesu toten Körper vom Kreuz herunternimmt und ihn in ein Leintuch wickelt (Mk 15,42-47). In Zusammenführung ihrer Exegese betont König jedoch, dass die letzten Kapitel des MkEv „eine zu eindimensionale Identifikation des Raumes um den Körper des irdischen Jesus herum“ (377) aufbrächen. Der Hinweis des Grabengels in Mk 16,6, dass „er nicht hier ist“, mache „unmissverständlich deutlich, dass die königliche Herrschaft Gottes nicht an den Ort des Kreuzes oder gar des Grabes gebunden ist“ (ebd.).

Fazit: Judith König gelingen in ihrer wissenschaftlich fundierten und gut zu lesenden Studie zahlreiche exegetische Einzelbeobachtungen, die zur Hermeneutik der Leiblichkeit der mk Reich-Gottes-Vorstellung beitragen und eine Lektüre empfehlen. Die Fokussierung auf die Perikopen, in der die basileia explizit erwähnt wird, erschwert allerdings eine konzise Interpretation, sind es doch primär Jesu Heilungshandeln, Leiden und Auferstehen, die die Körperzentriertheit seines Heilstuns und -geschicks und damit die Wirklichkeit der basileia zum Ausdruck bringen. In den behandelten Texten dagegen ist die Dimension der „Körperlichkeit“ zwar vorhanden, aber weniger bestimmend, bedingt vor allem durch die Metaphorizität der Begriffe, die die Wahrnehmung oder Wirklichkeit des Gottesreiches beschreiben („sehen“, „hineingehen“ u.a.). Dies führt zu einer Überbetonung der Bedeutungsoffenheit mancher Textstelle und zu Überinterpretationen intratextueller Motivverbindungen wie etwa der postulierte Zusammenhang von Mk 15,23 (Verweigerung des Gekreuzigten, den mit Myrrhe versetzen Wein zu trinken) und 15,36 (Darbietung eines mit Essig getränkten Schwammes) mit der Prophezeiung vom Trinken des Weines im Gottesreich nach Mk 14,25 (328-334). Umgekehrt scheint die Hermeneutik der Körperlichkeit nicht überall ganz erfasst. So eignet dem Bildfeld des gesäten Samens und dessen nach Bodenart unterschiedlichen Fruchtbarkeit eine deutliche Körperlichkeit, die mit der Zielorientierung, dass aus dem sterbenden Samenkörper ein Samenleib entstehen soll, die schöpfungs- und körpertheologische Grundierung der Reich-Gottes-Verkündigung tiefgehend einfängt. Nicht von ungefähr greift Paulus das Bild vom soma („Körper/Leib“) des Weizenkorns in 1 Kor 15,37f. auf, um die Körper-/Leiblichkeit des irdischen wie des himmlischen Menschen zu illustrieren. Das leere Grab ist nicht bloß Ausdruck räumlicher Ungebundenheit der Königsherrschaft Gottes (377), sondern Realsymbol einer die Person Jesu Christi auch über den Tod hinaus bestimmenden Körperlichkeit, die ihm wie allen Erlösten bleibend identitätsstiftend zu eigen ist und Begegnung ermöglicht. So führt die Suchbewegung des MkEv im leeren Grab vom vermissten Körper zurück nach Galiläa an den Anfang des Weges, der zum Ort neuer Körperlichkeit wird: „Dort werdet ihr ihn sehen“ (Mk 16,7).

Erzählstrategien und eine Hermeneutik der Körperlichkeit
Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 2. Reihe
Tübingen: Mohr Siebeck Verlag. 2024
449 Seiten
119,00 €
ISBN 978-3-16-162330-1

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