Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Studienhandbuch für Lehre und Praxis

Publikationen zum christlich-jüdischen Dialog sind in den vergangenen Jahren zahlreich erschienen; einige wurden auch im Eulenfisch besprochen. Das von Christian M. Rutishauser, Barbara Schmitz und Jan Woppowa herausgegebene Studienhandbuch „Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Studienhandbuch für Lehre und Praxis“ reiht sich in dieses Genre ein. Es will den gegenwärtigen Stand des Gesprächs zwischen Judentum und Christentum systematisch darstellen und Impulse für Lehre und Praxis geben. Die Vielzahl profilierter Autorinnen und Autoren zeigt den wissenschaftlichen Anspruch des Bandes und ermöglicht fachkundige Orientierung. Dem Charakter eines Studienhandbuchs entsprechend erfolgt diese Rezension aus zwei Perspektiven: aus der eines lehrenden Theologen mit pastoraler Erfahrung im christlich-jüdischen Dialog (Martin Nitsche) und aus studentischer Sicht (Clara Berndt).

Der Band gliedert sich in zwei Teile. Zunächst werden grundlegende Perspektiven aus katholischer, evangelischer und jüdischer Sicht entfaltet sowie historische und politische Kontexte – etwa Antijudaismus, Antisemitismus oder die Israelthematik – aufgearbeitet. Der zweite Teil untersucht, wie sich der jüdisch-christliche Dialog auf einzelne Disziplinen der Theologie auswirkt, von der Exegese bis zur Religionspädagogik. Damit versteht das Handbuch den Dialog nicht als Spezialthema, sondern als theologische Querschnittsaufgabe. Dieser am Fächerkanon des Theologiestudiums orientierte Zugriff darf als besonderes Profilmerkmal gelten.

Exemplarisch seien einige Beiträge genannt. Susanne Talabardon entfaltet den jüdisch-christlichen Dialog aus jüdischer Perspektive. Ihr historischer Zugang zeichnet zentrale Etappen und Positionsbestimmungen nach und verdeutlicht Reichweite wie Grenzen des Dialogs. Bemerkenswert ist, dass frühe Auseinandersetzungen weniger christologisch als vielmehr im Umgang mit der Hebräischen Bibel verortet werden.

Tamar A. Avraham behandelt „Zionismus und Staat Israel“ – ein politisch wie theologisch sensibles Feld, das seit dem 7. Oktober 2023 auch den interreligiösen Dialog stärker prägt. Differenziert arbeitet sie verschiedene Konzepte des Zionismus heraus, beleuchtet die identitätsstiftende Bedeutung des Staates Israel für Jüdinnen und Juden und reflektiert problematische Muster christlicher Israelkritik.

Barbara Schmitz thematisiert die alttestamentliche Exegese als neuralgischen Ort des Dialogs. Sie zeigt, dass dieser nicht nur ethische oder historische Fragen betrifft, sondern die hermeneutischen Grundlagen christlicher Theologie berührt. Neben Fragen der Kanonbildung diskutiert sie die wechselseitige Rezeption jüdischer und christlicher Auslegungstraditionen. Der Beitrag ist anspruchsvoll, schärft jedoch das Bewusstsein für exegetische Verantwortung.

Christina Späti bietet mit „Antijudaismus und Antisemitismus“ eine klar strukturierte Einführung in die komplexe Begriffsgeschichte. Die differenzierte Darstellung historischer Ausprägungen und konkurrierender Definitionsansätze vermeidet Vereinfachungen und macht die Vielschichtigkeit der Phänomene sichtbar. So eignet sich der Beitrag sehr gut im Einsatz für Studium und Lehre.

Der Beitrag von Jan Woppowa zur Religionspädagogik analysiert antisemitische Stereotype und Othering-Mechanismen im Unterricht, auch anhand konkreter Schulbuchbeispiele. Zugleich benennt er Materialien und Institutionen zur Weiterarbeit. Theorie und Praxis werden hier überzeugend verbunden.

Unser Fazit: Aus studentischer Perspektive bietet das Handbuch erhebliches Lernpotenzial. Es eröffnet multiperspektivische Zugänge und legt eine tragfähige Grundlage für einen reflektierten Religionsunterricht. Einzelne Beiträge setzen jedoch eine solide theologische Vorbildung voraus, weshalb eine begleitete Lektüre sinnvoll erscheint. Gerade angesichts des 7. Oktober 2023 und der seither deutlich sichtbaren Zunahme antisemitischer Tendenzen unterstreicht das Studienhandbuch die Notwendigkeit fundierter Ausbildung im christlich-jüdischen Dialog. Eine explizite Kontextualisierung dieser aktuellen Entwicklungen leistet der Band nicht. Diese bleibt Aufgabe seiner Leserinnen und Leser – mögen sie zahlreich sein.

Christian M. Rutishauser / Barbara Schmitz / Jan Woppowa (Hg.)

Tübingen: Mohr Siebeck Verlag. 2024
247 Seiten
39,00 €
ISBN 978-3-8252-6259-4

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