Eulenfisch - Limburger Magazin für Religion und Bildung

Julian Baggini: Wie die Welt denkt. Eine globale Geschichte der Philosophie

Unser alltägliches Handeln, Sprechen und Denken ist von ideengeschichtlichen Voraussetzungen bestimmt, die uns oftmals nicht bewusst sind. Das betrifft unser Denken hier im traditionell so bezeichneten Westen wie in anderen Gegenden der Welt. Der britische Philosoph Julian Baggini nennt die Voraussetzungen des Denkens Sedimentschichten – und er möchte sie mit seiner Globalgeschichte der Philosophie sichtbar machen und damit ein Fenster zur dazugehörigen Kultur aufmachen. Dabei bedient er sich sowohl der Lektüre der Klassiker der jeweiligen Kontinentalphilosophien. Er führt aber auch persönliche Interviews. Herausgekommen ist eine breit angelegte Skizze, die in groben Zügen erahnen lässt, wie die Welt denkt. Skizze deshalb, weil der Anspruch einer Globalphilosophie völlig vermessen ist. Das weiß auch Baggini. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, die einige Spotlights bietet, die den eigenen Horizont erweitern. Insbesondere kontrastieren sie die eigenen Denktraditionen, in denen man großgeworden ist und aus denen heraus man wie selbstverständlich die Welt und sich selbst bedenkt.

Während im Westen die Autonomie im Fokus steht, rückt im chinesischen Denkraum seit den Zeiten von Konfuzius der Begriff der Harmonie ins Zentrum. Generell ist der asiatische Kulturraum jenseitsärmer und legt einen größeren Wert auf ein gutes Leben im Diesseits. Im indischen Kulturraum – das macht Baggini auch an praktischen Beispielen sichtbar – ist eine klare Unterscheidung von Philosophie und Religion nicht möglich; die Unterscheidung ist ein typisch westliches Phänomen. „Wir müssen anerkennen, dass die strikte Säkularisierung der Philosophie selbst eine philosophische Position ist …“ (85) Gerade in Indien spielen religiöse und weisheitliche Schriften eine herausragende Rolle für das Denken, zum Beispiel die Veden. Wir im Westen haben uns angewöhnt, kategorial und systematisch zu denken – mit allen Vorteilen begrifflicher Klarheit, aber auch mit den Nachteilen intellektueller Überheblichkeit (Entweder-oder-Logik) gegenüber anderen Zugängen zur Wirklichkeit, z.B. über Intuition, Weisheit oder höhere Bewusstseinszustände. „Die Philosophie im Westen strebte immer danach, eher eine Wissenschaft zu sein: streng, präzise, die Realität beschreibend, wie sie ist. Im Osten ist die Philosophie eher eine Lebenskunst.“ (136)

Auch die Konzeptionen von Subjekt, Selbst oder Ich unterscheiden sich im kulturphilosophischen Vergleich stark. In den allermeisten nichtwestlichen Philosophien ist das Selbst eine Illusion, eingebettet in eine alles umfassende Weltseele (Brahman). Nur der sogenannte Westen hat eine starke und unabhängige Konzeption des Selbst etabliert, die unser Selbstgefühl ganz selbstverständlich prägt. So konnte etwa die japanische Kyoto-Schule ein ausgefeiltes Konzept von Leere und Nichts in ihr Denken integrieren, was in unseren Breiten in den systematischen Schulen kaum vorkam und vorkommt, es sei denn in Konzepten negativer Theologie und in mystischen Traditionen. Dass es jenseits des begrifflich Fassbaren einen Horizont gibt, der uns auf andere, nicht begrifflich systematische Weise zugänglich ist, wird dort auch mithilfe der Kunst selbstverständlich thematisiert.

Der Autor ist von solchen Ideen fasziniert, auch wenn er die klare Meinung vertritt, dass niemand die Wirklichkeit ohne begriffliche Konzepte erkennen kann. Hier outet er sich als Kantianer und bleibt dennoch offen gegenüber allen Konzepten, die der Kantischen Sichtweise auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Bagginis äußerst ambitioniertes Programm kann viele neue Fenster öffnen, ohne in einen Kulturrelativismus abzugleiten. Sein Anspruch lautet: Wir können uns selbst nur verstehen, wenn wir andere verstehen! Das stimmt unbedingt, denn „wenn Kulturen einander begegnen statt bekämpfen sollen, dann müssen wir nicht nur begreifen, wie andere sich von uns unterscheiden, sondern auch, wie wir uns von ihnen unterscheiden.“ (17)

Aus dem Englischen von Frank Lachmann, Karin Schuler und Thomas Stauder
München: Verlag C.H. Beck. 2025
442 Seiten
34,00 €
ISBN 978-3-406-83094-5

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