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Jutta Kähler (Hg.): Ästhetik. Bilder wahrnehmen – lesen – verstehen
Ob wir es wollen oder nicht: Wir leben in einer Welt voller Bilder, weniger von Gemälden und Skulpturen als von analogen und zunehmend digitalen Fotos. Einmal auf Abstand zu gehen und über diese Situation nachzudenken, ist das Angebot, das Jutta Kähler mit der von ihr zusammengestellten „Ästhetik“ macht. Das 180 Seiten starke, für die Sekundarstufe II konzipierte Büchlein besteht aus 12 Kapiteln mit je 3 bis 7 Materialien und umfasst knapp 50 Textausschnitte und 5 Abbildungen. Jedes Kapitel beginnt mit einer kurzen inhaltlichen Einführung mit knappen Angaben zu den Autorinnen und Autoren, den Materialien sind hilfreiche Arbeitsanregungen angefügt. Um die Lektüre zu erleichtern, erklärt die erfahrene Pädagogin und Didaktikerin in zahlreiche Fußnoten die verwendeten Fremdwörter. Dass dieses sorgfältig komponierte Reclam-Bändchen, das in jede Tasche passt, nicht nur für die Schule von Interesse ist, sollen die folgenden Schlaglichter belegen.
Das wichtige zweite Kapitel heißt „Bilder wahrnehmen, lesen und verstehen“. Es gibt keine methodischen Hinweise zur Bildbetrachtung, sondern es wird die Beziehung von Wort und Bild thematisiert: Können wir Bilder lesen? Nein, sagt die Philosophin Susanne Langer: In Büchern folgt ein Wort dem nächsten in einem zeitlichen Nacheinander, Bilder hingegen präsentieren ihre Bestandteile wie Form und Farbe simultan – weshalb sich Bilder nur annäherungsweise in Worte übertragen lassen. – Bilder sprechen nicht, der Betrachter kann ihnen mit großer Freiheit begegnen. Der Kunsthistoriker William John Thomas Mitchell vergleicht Bilder pointiert mit einer „Bauchrednerpuppe, in die wir unsere eigene Stimme hineinprojizieren“ (21). Aber: Wer auf ein geduldiges Sehen verzichtet, wird nur die eigene Stimme hören und das Gesehene nicht verstehen.
Im Anschluss ergeben sich weitere Fragen: Gibt es einen ästhetischen Unterschied zwischen einem Original (etwa einem Gemälde von Rembrandt) und seiner (fast) perfekten Fälschung, wenn dieser sich nicht durch Anschauung, sondern nur mittels technischer Analysen feststellen lässt? – Heutige digitale Bildprogramme können auf der Grundlage von Bildern der Kunstgeschichte neue Bilder generieren, die sich auf dem Kunstmarkt verkaufen lassen: Sind diese am Computer entstandenen Bilder Kunst?
Ein zentrales Kapitel ist der „Fotografie“ gewidmet, in welchem die Schriftstellerin Susan Sontag ausführlich zu Wort kommt: Fotos ermöglichen den „Zugang zu Wirklichkeiten, die sich unserer direkten Erfahrung entziehen“ (79) – und können z.B. Zeugnis über andernfalls verborgene Kriegsverbrechen geben. – Doch grundsätzlich gilt: Fotos geben nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder und blenden andere aus: Fotos lassen sich, wie das bei vielen Pressefotos der Fall ist, arrangieren oder können aus politischen Gründen (nachträglich) manipuliert werden, um etwa unliebsame Personen aus dem Gedächtnis zu streichen. Besonders beeindruckt hat den Rezensenten der Text über ein Kriegsfoto, das eine idyllische Flusslandschaft mit Frau zeigt: Erst die Notiz auf der Rückseite verrät, dass die Frau als lebender Minen-Detektor missbraucht wurde!
Das Kapitel „Das Schöne und der schöne Körper“ wird mit Immanuel Kants Unterscheidung von Erkenntnis- und Geschmacksurteil eingeleitet: Letztere sind subjektiv, weil ein äußerliches Etwas das Innere eines Subjekts auf positive Weise affiziert. – Beruht das Empfinden von Schönheit auf Maß und Zahl, also auf Proportion? Edmund Burke verneint mit Blick auf die außerordentliche Vielfalt von Blumen, die „Liebe oder eine ähnliche Leidenschaft“ verursachen (142). Der antike Maler Zeuxis schuf eine perfekte weibliche Schönheit, die er sich aus den Körperteilen verschiedener realer Mädchen zusammensetzte. Werden unsere gegenwärtigen Vorstellungen von schönen Körpern nicht durch mediale Vorbilder bestimmt?
„Das ist keine Pfeife“ ist eines der bekanntesten Gemälde von René Magritte, ist doch die gemalte Pfeife nur das Abbild einer realen Pfeife. Auch Selbstbildnisse sind Abbilder, nämlich der Gesichter von Künstlern, über die diese sich mit der eigenen Person auseinandersetzen. In der neuen visuellen Gattung Selfie inszeniert man ein Bild von sich für andere: Ist dies nicht eine demokratische Form des Selbstporträts? Für beide Gattungen gilt, dass das gemalte bzw. fotografierte Bild das Abbild einer wirklichen Person ist. Genau dieses Verhältnis gilt nicht mehr für die aus Gesichtszitaten generierten digitalen Cyberfaces: Es handelt sich um Porträts, die ohne einen Porträtierten existieren.
Diese Hinweise wollen auf ein facettenreiches Buch neugierig machen, dem viele Leserinnen und Leser zu wünschen sind.
Texte und Materialien für den Unterricht
Stuttgart: Reclam Verlag. 2024
180 Seiten m. s-w Abb.
6,80 €
ISBN 978-3-15-015092-4
